Der Heilige Antonius und die Wüste des Herzens
Ein Labyrinthweg
Bis zum 18. Lebensjahr lebte der Heilige Antonius (250 - 354 n.Chr.) wie alle anderen. Da traf ihn plötzlich eine Erschütterung. Sie warf sein altes Leben aus der Bahn. Seine Eltern starben. Sie hinterließen ihm ein großes Vermögen, so dass er und seine jüngere Schwester materiell abgesichert waren. Doch gab ihm der Besitz nur eine äußere Sicherheit. Sein Herz fand keine Ruhe. Es machte sich auf die Suche nach dem Unvergänglichen. Kein Schatz der Welt würde die Eltern aus dem Reich des Todes freikaufen können. Nichts von dem, was ihm nun wichtig wurde, konnte er durch Geld erwerben. Ja, er hatte das Gefühl, der Besitz mache ihn sogar unfrei, er behindere seine Suche nach dem, was bleibt.
Was suchte er? Lässt sich das Gesuchte in Worte fassen? Wie sollen wir das Objekt der Sehnsucht nennen, das über alles hinausweist? Antonius nannte es den „Schatz im Himmel“. Damit verbannt er die Vorstellung von etwas Unvergänglichem, das seinem unruhigen Herzen Gelassenheit schenken könnte. Wo sollte er den „Schatz im Himmel“ suchen? Eine Ahnung erfüllte ihn, wo dieser unvergängliche Schatz zu finden sei. Nicht oben im Weltall unter den Sternen, nicht unten auf der Erde in einem fernen Land jenseits der Wüste. Er spürte, dieser „Schatz im Himmel“ gehörte zur Mitte seiner Person, zu jenem innersten Bezirk, der geheimnisvoll und tief verborgen im Labyrinth seines Herzens lag. Dieses innerste Tibet seiner Seele würde alles Sichtbare überdauern, es würde noch leben, wenn alle Schätze der Welt längst vergangen waren. Der „Schatz im Himmel“ war sein Wesenskern und war doch zugleich mehr. Das ließ sich eben nicht in Worte fassen. Doch ein anderer fand Sprache für ihn:
Trenne dich von deinen irdischen Schätzen,
und du wirst einen Schatz im Himmel empfangen!
Antonius verschenkte seinen Besitz bis auf einen Teil, der seiner Schwester zur Bestreitung des Lebensunterhaltes dienen sollte. Damit begann sein Weg. Er vollzog sich in sieben Stufen.
Erste Stufe:
Loslassen
Der Wunsch, etwas zu besitzen, ist tief in uns verankert. Wir schmücken unser Zimmer mit Bildern, sammeln CDs mit der Musik, die uns in Schwingung versetzt. Wir halten Urlaubseindrücke auf Photos und Filmen fest. Wir sammeln alte Briefe. Wir richten uns ein, bauen ein Haus, gestalten einen Garten. Die Welt soll Heimat werden. Doch gibt es Lebensphasen, wo uns das Angesammelte zu ersticken dort. Wir räumen auf, sortieren, entscheiden uns für das Wesentliche und trennen uns vom unwesentlich Gewordenen. Der Gang ins Labyrinth des Herzens beginnt mit solchen „Aufräumphasen“. Wir spüren, dass wir uns von unnötigem Ballast trennen müssen, um das Wesentliche zu finden. Antonius ist ein Meister im Loslassen. Er hatte alles gehabt und auch genossen, doch nun spürte er:
Ich brauche das alles nicht.
Es ist unwesentlich.
Es bringt mich nicht weiter.
Auf der ersten Stufe des Labyrinthes steht die Trennung von allem, was dich umklammert und unfrei macht. Das kann der materielle Besitz sein. Wer das Alte und Überlebte in dieser Weise von seiner Seele abgestreift hat, ist aber noch lange nicht frei.
Zweite Stufe:
Die Stille aushalten
Nach der Loslösung öffnet sich der Raum der Stille. Wer hier tiefer eindringen möchte, muss lernen sie auszuhalten. Ein neues Leben keimt. Doch bis die Pflanze vollständig einwurzelt und in ganzer Fülle aufblüht, können Jahre vergehen. Geduld ist nun nötig, vor allen Dingen Geduld mit sich selbst. Bald bist du wieder gefangen in den alten Mustern, die du doch überwinden wolltest. Antonius wechselt den Wohnort. Er verlässt das Stadtzentrum mit seinen vielen Menschen und der ruhelosen Geschäftigkeit und zieht an den Stadtrand. Er geht in die Einsamkeit und lernt sie auszuhalten. Aber er sucht auch das Gespräch mit Menschen, die sich wie er auf den Weg zum Unvergänglichen gemacht haben. Seit er auf den Besitz verzichtet hat, ist er reich an Zeit für das Wesentliche. Er spürt, wie sich seine Seelenkräfte steigern, wenn er sich mit den spirituellen Wegen anderer Menschen beschäftigt.
Der Raum der Stille ist ein Ort für neue Erfahrungen. Hier kann er neue Wege üben, um herauszufinden, welcher Weg ihn weiterführen wird. Gelegentlich besucht er spirituelle Lehrer, um Anregungen für seinen eigenen Weg zu bekommen. Dabei entwickelt er ein Gespür für das Authentische, denn nicht jeder Lehrer lebt aus der Tiefe und nicht jeder hat in der eigenen Seele erfahren, wovon er wortreich kündet. Jahrzehnte später, als Antonius selbst den ganzen Innenraum des Labyrinthes seines Herzens durchschritten hat und zum spirituellen Lehrer geworden ist, wird er eine Grundregel formulieren, mit der er seine frühen Erfahrungen im Haus der Stille zusammenfasst:
Lehre nur,
was du selbst erfahren hast!
Wenn er seine eigenen spirituellen Lehrer beobachtet, dann fallen ihm bestimmte Eigenschaften auf. Freundlichkeit in der Zuwendung etwa oder Menschlichkeit, einer strahlt Ruhe aus, ein anderer Sanftmut. An dem einen Lehrer beobachtet er den liebevollen Umgang mit anderen Menschen, ein anderer ist ein Vorbild an Beständigkeit und Zuverlässigkeit, ein dritter durch die Wissbegierde.
Antonius übt sich in unterschiedlichen Wegen zur Vollkommenheit: den Weg des Sitzens in der Stille, den Weg des Gebetes, den Weg der Leibarbeit. Er übt den Verzicht auf Nahrung, den Verzicht auf ein weiches Bett und schläft auf dem Boden.
Dritte Stufe:
Die Zeit wird lang
Die Tage des Spleens bleiben nicht aus. Tage der Ungeduld, Tage des Zweifels, Tage, wo Antonius das Gefühl hat, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben.
Er denkt an seine Verwandten.
Er sorgt sich um seine Schwester. War es richtig, sie verlassen zu haben? War sein eigener Weg zur Vollkommenheit nicht völlig selbstbezogen? Wer sich selbst finden will, muss seinen eigenen Weg gehen, gewiss. Doch ist der eigene Weg jedes Opfer wert? Wo ist die Grenze zwischen Selbstfindung und Egoismus?
Er denkt an seinen Besitz.
Er hatte einen Teil der Schwester überlassen, den anderen verschenkt, um frei zu sein. Aber hätte er mit dem Kapital, das er von seinen Eltern geerbt hatte, nicht in der Welt arbeiten können? Gutes tun, Arbeitsplätze schaffen, soziale Einrichtungen unterstützen? Er ist willensstark und ehrgeizig. Er hätte etwas in der Welt bewirken können. Wem hatte er mit seinem Verzicht auf Besitz geholfen?
Er denkt an die kleinen Freuden des Lebens.
Gutes Essen, guter Wein, Gespräche mit Freunden. Was ist gewonnen, wenn er auf diese Genüsse verzichtet? Gewiss fördert eine bewusste Ernährung die Gesundheit und steigert die Seelenkräfte, übt man sich darin auf Zeit. Doch warum auf die Gaumenfreuden ganz verzichten? Wem dient sein Verzicht?
Er denkt an die Länge der Zeit.
Das Leben in der alten Welt hatte Zerstreuung geboten, aber auch sinnvolle Nutzung der Lebenszeit. Der Tag war gefüllt mit konkreten Aufgaben. Ist es nicht ein Segen, keine Zeit zu haben? Nicht nachdenken zu müssen? Nicht in Erwartung zu sein? Wie lange werde er noch unterwegs sein? Wann werde er die Mitte des Labyrinthes erreicht haben? Woher Kraft, Geduld und Ausdauer nehmen?
Er dachte an die Schönheit der Frauen.
Er ist ein Mann. Die Körper der Frauen sind weich und warm. Bilder voller Leidenschaft steigen aus der Tiefe seiner Seele empor. Die lange Zeit der Enthaltsamkeit hatte seine Sinne geschärft und nun ist es ihm, als wäre eine Frau körperlich gegenwärtig. Er spürt, wie sich seine Männlichkeit regt und empfindet dies zugleich als Beschämung und Ablenkung von dem inneren Weg. Zugleich erfüllt ihn tiefes Verlangen. Kann er nicht mit einer Frau gemeinsam das Labyrinth durchschreiten?
Vierte Stufe:
Den Kampf aufnehmen
Keinem, der sich ins Labyrinth des Herzens wagt, bleibt die dritte Stufe erspart. Der Weg zurück ins alte Leben steht jederzeit offen. Die Anlässe für einen Abbruch sind zahlreich und die Gründe höchst unterschiedlich. Zweifel an der eigenen Kraft, soziale Verantwortung gegenüber den Mitmenschen, Rückfall in altes Suchtverhalten, mangelnde Ausdauer, Spott der Freunde, Unverständnis der Familie.
Die wirkungsvollsten Formen der Anfechtung kommen durch die Vernunft. Die Seele hatte die Entscheidung getroffen, ins Labyrinth des Herzens zu gehen. Wenn die erste Begeisterung verflogen ist, wenn der Euphorie des Aufbruchs die Nüchternheit der täglichen Anstrengung gefolgt ist, dann stellen sich jene Gründe für eine Umkehr ein, die dich in der einmal getroffenen Entscheidung verunsichern.
Die Stimme der Vernunft fragt: Vielleicht bildest du dir alles nur ein? Dein Glaube an das Vollkommene ist eine Illusion! Dein Leben besteht aus vielen Irrgängen, gewiss, aber woher willst du wissen, dass es auch eine Mitte hat? Selbst wenn dein Leben ein Zentrum hat, woher willst du wissen, dass es sich lohnt, dies zu suchen? Vielleicht wirst du enttäuscht sein, wenn du der Wahrheit deines Lebens ins Gesicht schaust? Diese Fragen treffen dich im Zentrum deiner Empfindsamkeit, dort, wo du zu träumen wagst, wo du voller Hoffnung, Sehnsucht und Erwartung bist.
Wer jetzt nicht flüchtet, sondern standhält, wer den Kampf aufnimmt und die Dinge klärt, der betritt die vierte Stufe. Für ihn beginnt eine Phase des inneren Ringens. Bei Antonius dauert sie zwanzig Jahre und ist mit einem erneuten Ortswechsel verbunden. Er zieht nilaufwärts in die Wüste. Am Hang des Berges Pispir sucht er ein Felsengrab. Er öffnet die Tür, lässt sich nicht schrecken, geht hinein und schließt die Tür hinter sich zu. Nun ist er in die dunkelste Kammer des Labyrinthes getreten. Hier will er durchhalten, bis er alles, was ihn von seinem neuen Weg abhält, überwunden hat.
Später sagt er: Wer in die Abgeschiedenheit gehe und zur Ruhe komme, halte sich aus einem dreifachen Kampf heraus: aus dem Kampf des Hörens, des Sprechens und des Sehens.
Jetzt öffnen sich endlich die Augen seiner Seele und die Ohren des Herzens hören die Stimmen der Stille. Die alten Tiergötter und –dämonen treten ihm entgegen und suchen seine Seele zu erschrecken. Hunde kläfften, Löwen brüllten, Wölfe jaulten, Schlangen züngelten, ein Stier senkte sein Haupt zum Angriff. Martin Schongauer, Matthias Grünewald, Joachim Patinir, Salvador Dali haben diese Urszene der Begegnung mit dem Unheimlichen ins Bild gesetzt, Gustave Flaubert hat sie nachgedichtet.
Warum aber ist der Weg zur Mitte so schwer? Warum dauert die Reise zur Mitte so lange? Warum kommt ihm niemand beim Kampf gegen die Angst und die Anfechtungen zu Hilfe? Da hat er einen Moment mit Durchblick. Die Mitte des Labyrinthes kommt ihm entgegen und erhellt das Dunkel seines Weges. Er sieht eine Lichtgestalt, seinen Seelenführer. Sein Atem geht ruhiger.
Er fragt:
Wo warst du?
Warum bist du nicht zu Anfang gekommen,
um meine Qualen zu beendigen?
Die Lichtgestalt antwortet:
Antonius, ich war hier,
aber ich wartete dein Kämpfen zu sehen.
Da du den Streit bestanden hast,
ohne zu unterliegen,
werde ich dir hilfreich sein.
Als Antonius dies vernimmt, weiß er, er ist in der Mitte des Labyrinthes angekommen, eingeweiht in tiefe Geheimnisse, reich an innerer Erfahrung.
Fünfte Stufe:
Selbsterkenntnis
Woher kommen die Gestalten? Sind es Bilder aus der eigenen Seelentiefe, sichtbar gewordene Schattenwelt, Projektionen des Unbewussten? Ist es die Erfahrung einer realen überweltlichen Macht der Geister, für die das menschliche Auge im Alltag blind ist? Das Licht der Selbsterkenntnis leuchtet auf. Nun erkennt Antonius die Ursache aller Ängste des Menschen. Sie ist in der tiefsten Kammer der eigenen Seele zu finden. Hier liegt der Drache Furcht.
Wir wollen überlegen und immer beherzigen, dass die Feinde uns nichts tun werden, da der Herr mit uns ist. Denn wenn sie erscheinen, verhalten sie sich selbst gegen uns, wie sie uns antreffen, und nach den Gedanken, die sie in uns finden, gestalten sie auch ihre Trugbilder.
Wenn sie uns feige und in Verwirrung finden, dann eilen sie sogleich herbei wie Räuber, die einen Platz ohne Bewachung treffen; und was wir von uns selbst denken, das vergrößern sie noch obendrein. Wenn sie uns furchtsam und feige sehen, dann vermehren sie die Mutlosigkeit durch ihre Erscheinungen und Drohungen, und die arme Seele wird damit gefoltert.
So fasst Antonius seine Selbsterkenntnis zusammen. Dann öffnet er die Tür der Grabhöhle und tritt mit leuchtendem Gesicht ins Freie.
Sechste Stufe:
Heiterkeit der Seele
Das Labyrinth ist kein Haus, in dem du dich lebenslang einrichten kannst. Die Strahlung aus der Mitte wäre auch zu intensiv, als dass du sie auf Dauer aushieltest. Ins Labyrinth hatte sich Antonius eingeschlossen, um das Unvergängliche zu finden. Als er es erfahren hatte, macht er sich auf in eine neue Wüste. Hier lässt er sich am Berg Kolzim nieder. Er findet eine Oase der Ruhe und baut Früchte zu seiner Ernährung an.
Hast du im Labyrinth die Mitte gefunden,
kehre ins Leben neu zurück,
bestelle das Land
und wurzele ein.
Wie lange dauert der Weg zur Mitte? Ein Jahr? Sieben Jahre? Ein Jahrzehnt? Ein ganzes Leben? Antonius findet die Mitte in der Mitte seines Lebens. Ist das Zufall oder Fügung? Dürfen wir daraus ein Gesetz für alle Labyrinthgänger ableiten? Wird die Mitte auch in der Mitte unseres Lebens sichtbar werden? Antonius ist 52 Jahre alt, als er den unvergänglichen „Schatz im Himmel“ findet. Er ist frei geworden. Wovon? Von sich selbst und der Sorge um das Heil seiner Seele. Er lebt aus dem Unvergänglichen. In seiner Seele ist das Feuer, das nie mehr verbrennt, entzündet worden und erleuchtet ihn. Die Heiterkeit seiner Seele schenkt seinem Gesicht einen Ausdruck der Freude. Leben im Unvergänglichen ist Leben in der Freude, die nie vergeht. Leben im Unvergänglichen ist Leben im immerwährenden Gebet. Leben aus der Mitte. Was ist dies? Ein Wandeln vor und in dem Geheimnis, egal wo wir sind und was wir tun.
Antonius sagt:
Das ist kein vollkommenes Gebet,
solange der Mensch sich selbst,
oder was er betet,
versteht.
Die Wahrheit leuchtet aus Antonius hervor, und zahllose Menschen mit seelischen oder körperlichen Leiden suchen Heilung durch ihn. So wird er zum Therapeuten, Seelsorger, Heiler und Lehrer.
Siebte Stufe:
Gelassenheit
Antonius nimmt sich viel Zeit für die Menschen, die bei ihm Hilfe suchen. Er ist ganz Ohr. Die jahrelange Einsamkeit hat seine Sinne geschärft und sein leuchtender Blick ermuntert die Menschen, ohne Umschweife zum Wesentlichen zu kommen. Ins Wesentliche zielen auch die Ratschläge, die Antonius gibt. Sie sind echte Lebenshilfe, weil sie dem eigenen Leben abgerungen sind. Er gibt nur weiter, was er selbst erfahren hat.
Den Zweiflern sagt er:
Blicke nicht zurück!
Bleibe auf dem Weg!
Übe dich täglich!
Den Ängstlichen sagt er:
Denke positiv!
Du bist nicht allein!
Stelle dich auf die Seite des Lichtes!
Den Gottsuchern sagt er:
Habe das Licht stets vor Augen!
Lies die Heilige Schrift!
Wo du auch sitzt, da geh nicht so schnell wieder fort!
Es kommen verunsicherte Menschen. Sie leiden unter der Eifersucht anderer. Andere fühlen sich ständig beobachtet, glauben jeder Schritt von ihnen werde kontrolliert. Sie fühlen sich verfolgt und haben das Gefühl, man wolle ihnen nur Böses. Ihnen zeigt Antonius einen Weg der Befreiung. Er sagt: Überprüfe, ob das, was dich verfolgt, wirklich von außen oder aus deinem Inneren kommt! Denn oft verhalten sich die Menschen so gegen uns, wie sie uns antreffen. Was wir von uns denken, das steigern sie. Sind wir ängstlich, dann steigern sie unsere Angst. Ist unsere Seele aber erfüllt von positiven Gedanken, richtet sie ihren Blick immer wieder auf das Vollkommene, den „Schatz im Himmel“, dann weichen alle Bedrängnisse.
Es kommt ein ehrgeiziger Mensch. Schon viele weise Frauen und Männer hatte er besucht, um von ihnen den richtigen Weg zur Vollkommenheit zu erfahren. Der Ruf des Antonius war auch zu ihm gedrungen. Er denkt, Antonius sei aus seinem Holz geschnitzt. Ein Mann, der Mut zu radikalen Entscheidungen hatte, der sich durch nichts vom einmal eingeschlagenen Weg abbringen lässt. So will auch er sein. Bei einem Meister hatte er die Kunst des Bogenschießens geübt. Nun will er den Weg des Antonius kennenlernen und sucht ihn in der Wüste auf. Da er Antonius in heiterem Gespräch bei gutem Essen antrifft, ist er entsetzt und macht ihm Vorwürfe. Er denkt, der Weg ins Labyrinth sei ernst, mühsam und voller Entbehrungen.
Antonius lächelt gütig und fragt:
Du gehst den Weg des Bogenschießens?
Der Mann nickt.
Und nun bist du in die Wüste gekommen, um das Geheimnis meines Weges kennenzulernen.
Erneut nickt der Besucher zustimmend.
Lege einen Pfeil auf deinen Bogen und spanne die Sehne!
Der Bogenschütze tut, wie ihm Antonius geheißen hat. Er legt den Pfeil auf den Bogen und spannt die Sehne. Dann hält er sie mit aller Kraft und voller Konzentration gespannt. Antonius fordert den Schützen auf, die Übung zu wiederholen. Wieder spannt er den Bogen. Dann wird er ein drittes Mal zu der Übung aufgefordert.
Der Bogenschütze sagt:
Ich sehe, dass du von der Kunst, den Bogen zu spannen, nichts verstehst. Denn wenn ich weiter so fortfahre, wird er zerbrechen.
Antonius antwortet:
So ist es auch mit der Suche nach dem Vollkommenen. Wenn wir uns über das rechte Maß hinaus anstrengen wollten, dann würden wir ziemlich schnell zerbrechen. Es ist also angebracht, die Anspannung dann und wann zu lockern.
Als der Bogenschütze das hört, sieht er Licht am Ende seines Weges.
Der Weg beginnt mit dem Loslassen.
Er mündet in Gelassenheit.
Gelassenheit heißt Leben aus der Mitte.
Bücher zum Thema:
Uwe Wolff. Die Reise ins Labyrinth. Unterwegs zur eigenen Mitte. 2001.
Uwe Wolff. Labyrint. Cesta k vlastnímu strchedu. 2003
Uwe Wolff/Jürgen Hohmuth. Labyrinthe. Pilgerwege der Seele. 2004.
Uwe Wolff/Jürgen Hohmuth. Alles über Labyrinthe und Irrgärten. Unterwegs mit Zeppelin und Kamera. 2006.