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Väter und Söhne:

Eine Reise nach Assisi (2000)

 

Mein Großvater Franz Wolff war sanft, geduldig und fürsorglich. Durch ihn besaß der Name „Franz“ seit Kindheitstagen einen besondern Klang für mich. So lag es wohl auf meiner Lebenslinie, dass ich 1985 in Osnabrück ein Jahr an der Ursulaschule, einer von Franziskanern geleiteten Schule, unterrichtete und Jahre später Pater Franz OFM zum Freund gewann. Der Direktor der Ursulaschule hieß Pater Werinhard Einhorn OFM und hatte seine Doktorarbeit über das schöne Thema „Das Einhorn in der Literatur des Mittelalters“ geschrieben. Pater Franz war damals Guardian des Klosters Engelberg am Main. Dass beide Patres besondere Verehrer der Engel waren, bedarf bei einem echten Franziskaner keiner Erwähnung.

 

Oft habe ich den „Sonnengesang“ und die Legenden um den Heiligen Franz im Religionsunterricht gelesen und war immer wieder von neuem fasziniert von der Aura der Sanftmut und des Friedens, die diese alte Überlieferung in den Seelen der Kinder verbreitet. Auf geheimnisvolle Weise finden die berühmten Legenden von der Bekehrung der Räuber, der Zähmung des Wolfes, der Vogelpredigt oder der Stigmatisierung auch heute noch den Weg zu den Herzen der Schüler. Mit dem 1182 geborenen Sohn des reichen Tuchhändlers Pietro di Bernardone können sie sich identifizieren, denn Franz hatte viele Freuden des Lebens genossen und doch gespürt, dass der Mensch ohne inneren Reichtum arm ist. Eines Tages verschenkte er seinen Besitz, legte dem Vater die Kleider zu Füßen und lebte fortan nur noch aus dem inneren Reichtum. Dem Geheimnis dieser Verwandlung wollte auch ich nachspüren.

 

Die Reise nach Assisi begann in München an einem kühlen, aber sonnigen Herbsttag. Ein amerikanischer Freund, Pater Rodrigo, der in Portiunkula Pilger betreut, hatte uns eingeladen, im Konvent der Brüder in Santa Maria degli Angeli zu wohnen. Doch schon auf dem Brenner begrüßte uns Bruder Wind und Schwester Schneeregen. Fröstelnd huschten Busreisende an uns vorbei und verschwanden im Rasthaus, Franz und ich aber standen durchdrungen vom eisigen Brausen zwischen kahlen Felswänden und aßen mit Genuss italienisches Weißbrot mit Mortadella. Zurück im Wagen reichte mir mein Freund einen Rosenkranz. Er bestand aus weißen Plastikkugeln und an ihm hing eine Nachbildung des Kreuzes, das Papst Johannes Paul II an seinem Bischofsstab trägt. Der Heilige Vater habe den Rosenkranz selbst geweiht, sagte Franz. Er wiederum habe ihn durch den Erzbischof von Papua Neuguinea geschenkt bekommen, nachdem er den Geistlichen durch die Kirchen und Klöster Bayerns geführt hatte.

 

Es war abgemacht, dass wir als Pilger nach Assisi fahren wollten. Zu einer echten Pilgerreise gehöre das Gebet, sagte Franz, und er fragte mich nach einem Gebetsanliegen. Ich war mit diesem Brauch nicht vertraut, musste aber nicht lange überlegen. Der Vater war schwer erkrankt. Wie viele Männer seiner Generation hatte er während seines Berufslebens keinen Tag im Dienst gefehlt. Jetzt gaben ihm die Ärzte wenig Chancen, das kommende Frühjahr zu erleben.

 

Nach der langen Fahrt durch Norditalien sehnten wir uns nach einer warmen Klosterzelle und einem guten Abendessen. „Pax et bonum!“ Die Begrüßung unter der im Strahlenkranz erleuchteten Muttergottes auf dem Giebel der mächtigen Basilika war herzlich und auch die Brüder im großen Refektorium freuten sich über unsere Anwesenheit. Aus ihren Augen strahlte die Sonne des Herzens, und ein fester Händedruck, ein Lächeln, eine freundliche Berührung der Schulter, eine warme Minestrone, Fisch und Käse signalisierten uns – ihr seid zu Hause.

 

Noch vor Anbruch des Tages fand das Morgenlob (Laudes) der Brüder einen vielstimmigen Widerhall auf dem Klostergelände: Betonmischer kreisten, Preßlufthammer dröhnten, Bohrmaschinen sirrten, metallen schlug der Hammer auf den Meißel. Der Duft von Zigaretten signalisierte den allmorgendlichen Beginn der Arbeit an der Wiederherstellung der Gebäudeteile, die unter dem großen Erdbeben gelitten hatten. „Geh und stelle mein Haus wieder her!“ Mit einer Reparaturmaßnahme an der verfallenen frühromanischen Kirche von San Damiano, etwas außerhalb der Stadtmauern gelegen, hatte das Werk des Heiligen begonnen. Hierher pflegte er sich in der Zeit seiner tiefen Lebenskrisen zurückzuziehen und betete vor einer Christus-Ikone, um Erleuchtung des Herzens und ein Gespür für den Willen Gottes. Hier hatte ihn der Auferstandene selbst berufen und ihm zugleich seinen Weg der Nachfolge gewiesen:

 

Du bist gefordert!

Auf Dich kommt es an!

Geh und stelle mein Haus wieder her!

 

Der Heilige hatte das Wort von der Erneuerung der Kirche wörtlich und symbolisch zugleich verstanden. Neben dem Kloster steht die gewaltige Basilika Santa Maria degli Angeli. Sie wölbt sich wie eine Austernschale um die Perle der kleinen Portiunkulakapelle. Am Morgen nach unserer Ankunft führt uns Pater Rodrigo durch die Basilika. Er plaudert in sechs Sprachen mit Pilgern aus Südamerika, Frankreich, Australien, Japan, Holland, Deutschland, hat für jeden Besucher einen fröhlichen Gruß parat und segnet junge Mütter mit ihren Kindern, die von seiner freundlichen Ausstrahlung angezogen werden wie Bienen von den duftenden Blumen.

 

Hütet euch davor, meine Söhne, diesen Ort jemals zu verlassen“, hatte der sterbende Heilige an dieser Stelle seinen Mitbrüdern aufgetragen. „Solltet ihr durch eine Tür hinausgetrieben werden, so geht durch die andere wieder hinein; denn dieser Ort ist wirklich heilig und die Wohnung Gottes.“ Das spüre ich auch, als ich mit meinen Händen die Steine der Portiunkula berühre, die auch der heilige Franz mit seinen Händen neu gemauert hat. Ich lehne mich an das Kirchlein und eine Erschütterung durchfährt mich. Wie klein, wie winzig ist diese Perle, die im Herz des Heiligen reifte. „Dieser Ort ist heilig“, steht auf der Schwelle zur Portiunkula und über dem Portal: „Dies ist die Pforte zum ewigen Leben“.

 

Geheiligt ist der Ort nicht nur durch die Anwesenheit des heiligen Franz und die Tage, da der Erblindete entkleidet auf dem nackten Boden lag, um zu sterben. Geheiligt ist er nicht nur durch die Erinnerung an vergangene Zeiten. Über dem Portal des Kirchleins steht nicht: Dies war die Pforte zum ewigen Leben, sondern dies ist die Pforte zum ewigen Leben. Der Spruch birgt eine geheimnisvolle Verheißung:

 

 

Dieser Ort ist heilig,

er wird auch dein Herz erleuchten,

auch du wirst hier einen Neuanfang wagen,

auch du wirst die Kraft der Verwandlung spüren,

auch du wirst die Freiheit des Loslassens erfahren,

auch dir steht die Pforte zum ewigen Leben offen!

 

 

Sterbend hatte der Heilige an dieser Stelle gesagt: „Wer auch immer hier in Andacht beten wird, wird erhalten, worum er bittet.“ Welch ungeheuerliche Verheißung! In mir steigt das Bild des Vaters auf und mir schaudert. In einer Seitenkapelle der Basilika feiern wir allmorgendlich die Messe für ihn.

 

Pater Rodrigo führt uns durch die Klosteranlage. Wir steigen über Balken und Sandhaufen, der Rosengarten, in den sich der Heilige während einer Verzückung zurückzog, ist von Baugerät verstellt. Im Klostergarten finde ich dicke Pinienzapfen und nehme einen später in die Heimat mit. Vielleicht wird aus den Samen ein Baum in meinem Garten wachsen. Nach dem Aufheben des Pinienzapfens fällt mein Blick auf den Bergrücken. Auf ihm liegt Assisi. Franz hat viele Orte in Umbrien bereist, doch das Zentrum seiner Bewegung errichtete er direkt unterhalb seiner Vaterstadt, so dass es die Bürger und sein Vater jederzeit vor Augen hatten.

 

Was mochte Pietro di Bernardone gedacht haben, als er von hier oben auf das Werk seines Sohnes blickte? Hatte er die Renovierungsarbeiten an der Kirche als Provokation verstanden? War er noch wütend auf sein Kind, das sich vor aller Öffentlichkeit von ihm losgesagt hatte? Franz hatte den inneren Reichtum in seiner Seele entdeckt und sich ohne Rücksicht auf die Gefühle des Vaters durchgesetzt. Wer hat je die schlaflosen Nächte Pietro di Bernardones beschrieben? Wer kennt die Verzweiflung, die Selbstvorwürfe und die Trauer in seiner Seele? Wer spricht von den Konflikten zwischen den Eltern und Geschwistern daheim, als der Älteste in dieser provokanten Weise das Vaterhaus für immer verlassen hatte? Der Anspruch, den eigenen Weg zu gehen, dem geistigen Vater im Himmel zu folgen, setzt sich kompromisslos hinweg über das Gebot, Mutter und Vater zu ehren. Franz ist kein verlorener Sohn. Er kehrt nicht mehr ins Vaterhaus zurück. Der ganzen Schöpfung hat er Versöhnung gepredigt. Er glaubte, dass in jedem Menschen ein guter Kern steckt, in jedem Wolf ein Lamm, in jedem Räuber ein Bruder. Er hat in seinen Versöhnungswillen die außerchristlichen Religionen und das Reich der Natur einbezogen. Warum aber gibt es keine Nachricht, dass sich der Sohn mit seinem Vater versöhnt hätte?

 

Staunen und Entsetzen über den inneren Reichtum liegen nahe beieinander. Und so geheimnisvoll wie die Muschel ist auch der Ruf aus der Tiefe des Herzens. Vielleicht verstehen wir ihn selbst nicht. Wir wissen nur, wir müssen ihm gehorchen und seinem Willen folgen. Wir müssen gehen, wohin er uns führt. Dürfen wir erwarten, dass andere uns verstehen, wo wir doch selbst das innerste Geheimnis nicht begreifen können? Nur die Liebe kann den anderen Menschen freigeben.

 

 

Die Liebe staunt

über deinen inneren Reichtum.

 

Wer staunt, ist frei von Eifersucht,

wer staunt, befreit sich von Illusionen,

wer staunt, misst dich nicht an seinen eigenen Erwartungen,

wer staunt, lässt sich von dir überraschen,

wer staunt, nimmt das Geheimnis an,

wer staunt, gibt dich frei.

 

 

Über seiner Grabstätte wölbt sich die zweischiffige Basilika von San Francesco. Den oberen Teil mit dem Zyklus von Szenen aus dem Leben des Heiligen können wir nicht betreten, weil die Erdbebenschäden noch nicht behoben sind. Große Teile der Fresken sind von der Decke gestürzt. Pater Gerhard Ruf empfängt uns. Wir sitzen in seiner winzigen Zelle. Mein Blick schweift zur Decke über den Bücherregalen. Tiefe Risse sind im Mauerwerk zu sehen. Einem Pilger ist in der Kirche die Tasche abhanden gekommen. Pater Ruf hat seine Personalien aufgenommen. Der Busfahrer mahnt zur Eile. Jetzt hat der Pilger seinen deutschen Personalausweis vergessen. Pater Ruf sendet ein e-mail an den Reiseveranstalter, anschließend drei Faxe an potentielle Spender für den Wiederaufbau der Basilika, telefoniert mit einem Professor für Kunstgeschichte, erläutert zwischendurch ein Promotionsvorhaben eines jungen Kunsthistorikers über einen Glasfensterzyklus der Kirche und ist dabei heiter. „Können Sie mir sagen, was Geduld ist?“, fragt er unvermittelt. Mit unseren Antworten ist er nicht zufrieden. Er führt uns zu einer großen Halle hinter der Kirche. Hier liegen in zahllosen Kisten und Schubladen Millionen winziger Bruchstücke aus den Giotto-Fresken. Wissenschaftler versuchen die Bilder aus dem Leben des heiligen Franz wieder zusammenzusetzen.

 

Wie schafft man es, aus 50000 blauen Steinchen einen Himmel zu rekonstruieren? Ein Stein mit dem Bild eines Auges, ein Engelflügel, eine Haarlocke – damit läßt sich arbeiten. Wie stellt man jedoch den Faltenwurf eines Gewandes aus rostbrauner Farbe wieder her? Wahrscheinlich nur aus dem Geist jener Heiterkeit, die Pater Ruf verbreitet. Auf dem Rückweg zur Basilika berichtet er von der Nacht des Erdbebens und ihren Opfern. Erinnerungen an die Kriegszeit sind plötzlich da. „Was macht ihr, wenn die Gefahr kommt?“, fragt er. „Sofort weglaufen“, antworte ich. „Falsch, du musst stehen bleiben. Löst sich denn die Muschel von der Buhne, wenn die große Welle kommt?!“ Mit der Führung hatte uns Pater Ruf zugleich ein Geheimnis anvertraut.

 

Assisi liegt hinter uns. Wir fahren die kurvenreiche Strecke auf den Monte della Verna (Höhe 1128 m NN), ein Berg, den Graf Orlando Catani am 8. Mai 1213 dem Heiligen schenkte, damit er hier in Ruhe beten konnte. Als sich dieser im Sommer des Jahres 1224 von Maria Himmelfahrt bis zum Fest des Erzengels Michael dort hin zurückzog, um zu Ehren des Erzengels Michael zu fasten, erschien ihm am frühen Morgen des 14. Septembers ein sechsflügeliger Seraph aus dessen Mitte der gekreuzigte Christus hervortrat. Franz war Christus nachgefolgt. Auf dem La Verna vollendete sich seine geistliche Annäherung. Die Perle trat ans Licht. Durch eine innere Glut wurde Franz zu der völligen Gleichheit mit dem gekreuzigten Christus gewandelt.

 

Die Geschichte der Religion kennt viele heilige Berge: Abraham hatte Gott auf dem Berg Moria geopfert, Moses den Sinai bestiegen, um aus der Hand Gottes die in Stein gemeißelten Gebote zu empfangen, Jesus suchte den Ölberg zum stillen Gebet auf, wurde auf dem Berg Tabor verklärt, starb auf Golgotha und fuhr von einer Bergesspitze wieder in den Himmel. Auf einem Berg im Nordwesten Irlands fastete Patrick und überall in der alten Welt wurden zu Ehren des Erzengels Michael Höhenheiligtümer errichtet. Über dem alten Eingang zum Klosterbezirk auf dem La Verna aber steht:

 

NON EST IN TOTO SANCTIO ORBE MONS.

 

Auf der ganzen Welt gibt es keinen heiligeren Berg.

 

Der La Verna liegt im nasskalten Nebel. Wir frieren. Es ist fünfzehn Uhr, die Sterbestunde Jesu. Wie an jedem Tag öffnet sich um diese Zeit die Kirchentür und die Brüder begeben sich feierlich auf den Weg zu jener Stelle, wo der Seraph mit den Wundmalen Christi den Glaubensweg des Heiligen krönte. Der La Verna ist ein Ort der Buße und der geistlichen Annäherung an das Geheimnis der Passion. Dem entspricht die ernste, würdevolle Stimmung. Das Kreuz führt die Prozession, die lauretanische Litanei wird auf Latein gesungen. Angelangt am Ort der Stigmatisierung, der Kapelle der Wundmale, verstummt der Gesang. „Gott ist gegenwärtig, alles in uns schweige und in Erfurcht vor ihm beuge.“ Schweigen ist die angemessene Haltung vor diesem Mysterium. Das Geheimnis dieses Ortes erhebt die Seele und erschüttert sie zugleich. Als ich später allein in meiner winzigen, ungeheizten Zelle sitze und in einem Buch lese, ergreifen mich Fluchtgedanken. Werde ich die Einsamkeit aushalten? Wird die Stille nach mir greifen? Ich ziehe mir den Mantel an, lege mir eine Decke um die Schulter. Alles vergeblich. Das Frösteln kommt von innen. Vor meinen inneren Augen wandelt die lange Galerie von Märtyrerportraits, die vor meiner Zelle im Flur hängen: Die Bilder halten detailliert die grauenhaften Todesarten fest. Wie weit würde ich mit Christus gehen, wenn mein Bekenntnis auf die Probe gestellt würde? Würde ich flüchten, um mein Leben zu retten, oder standhalten? Mein Blick fällt aus dem Fenster. Ich blicke in den Innenhof des Klosters. Alles liegt in grauem Nebel. Ich könnte jederzeit aufstehen, zurück ins heitere Assisi fahren oder mir ein warmes Hotelzimmer in den Weinbergen nehmen. Niemand würde mir die Abreise verwehren.

 

Irgendwann klopft Franz an die Zellentür. Wir gehen zum Abendgebet (Vesper). Anschließend verharren wir eine Stunde lang in der Stille vor dem ausgesetzten Allerheiligsten. Christus ist gegenwärtig. Geheimnis des Glaubens: Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir... Ich schaue ihn nicht an. Mein Auge sucht Farbiges, das die warmen Blautöne der Keramiken von Andrea Della Robbia mir schenken. Auf einer begleiten liebliche Engelsgestalten die Muttergottes Maria bei ihrer Himmelfahrt, auf der anderen Keramik schweben sie voller Mitleid weinend unter dem Gekreuzigten. Erhöhung und Erniedrigung, Freude und Leid, Tod und Auferstehung – das Geheimnis unseres Lebens findet seinen Ausdruck im Symbol des Kreuzes. Als ich jetzt mit innerer Ruhe auf die Hostie blicke, erscheint in ihr das Kreuz. Meine Gedanken sind bei dem Vater.

 

Am nächsten Morgen betreten wir die feuchte Höhle, „das Bett des heiligen Franziskus“ genannt, weil der Heilige an dieser Stelle auf nacktem Felsen ruhte, wenn er Zuflucht vor den Stürmen des Winters suchte. Ein Eisenrost schützt den Felsen vor Reliquienjägern. In einer tieferen Stelle der Höhle liegt Sand. Ich tüte eine kleine Probe ein, um sie dem Vater daheim ans Bett zu bringen.

 

Zurückgekehrt ins Kloster St. Anna nach München spüre ich das Bedürfnis, einzutauchen in die unbeschwerte Welt bayerischer Gastlichkeit. Umrahmt von Blasmusik sitzen wir jetzt im Hofbräuhaus zwischen Schülern aus Braunschweig und Kunststudentinnen aus San Francisco. Ich genieße den tiefen Schluck aus der kühlen Maß Bier, mit dem ich den salzigen Geschmack von Brezel und Radi hinunterspüle. Am Morgen hatten wir den La Verna verlassen. Größer konnte der Kontrast nicht sein. Welche Welt war die meine? Wo gehörte ich hin? „Dies alles gibt es also“, denke ich und blicke voller Freude auf die Jungen, die nun ausgelassen zu tanzen beginnen. Gepriesen sei das Fest des Lebens! Um meinen Hals trage ich noch immer das Tau, das Kreuz des Heiligen. Im Aufbruch überkommt mich plötzlich das Bedürfnis, es einer Studentin zu schenken – sie reagiert tief gerührt.

 

Den Sand vom Ruheplatz des Heiligen habe ich dem Vater gebracht. In seiner Sammlung von Sanden aus allen Teilen der Welt nimmt er einen Ehrenplatz ein. Die Chemotherapie hat der Ausbreitung der Krankheit Einhalt geboten, sagt er. Ich berichte von der Fahrt nach Assisi. An Gott glaube er nicht, meint er, ermuntert mich aber, weiterhin Kerzen für ihn anzuzünden und zu beten. Jeder Mensch birgt in sich ein Geheimnis. Er selbst kann es nicht ergründen. Wie sollten wir es dann verstehen? Einer kenne das Geheimnis unseres Lebens und halte es in seinen Händen, glaubt Franz. Er schicke den Schmerz und zugleich die Kraft, ihn in eine Perle zu verwandeln.