Meditation über das Kreuz
In der Gremmendorfer Friedenskirche hängt ein schlichtes hellbraunes Holzkreuz über dem Altar. Während der Kindheit hatte ich oft Gelegenheit, es anzuschauen. Es strahlte Wärme aus. Manchmal geriet ich dabei in einen träumerischen Zustand der Versenkung. Dann sah ich in dem Kreuz die Gestalt eines Menschen mit ausgebreiteten Armen. Sie erinnerte an die Gebetshaltung, die Pastor Drees einnahm, wenn wir das Vaterunser oder die Fürbitten sprachen. Während wir die Hände falteten, stand er mit ausgebreiteten Armen vor dem Kreuz. Zum Segen wandte er sich uns zu, breitete wieder die Arme aus und beschrieb dann mit zwei Fingern ein Kreuz. Wie alle anderen Gemeindemitglieder beugte ich mein Haupt. Dann spürte ich ein angenehmes Kribbeln unter der Kopfhaut, als hätte mich jemand zärtlich berührt. So empfinde ich heute noch, egal wie langweilig die Predigt war.
Das Kruzifix in der benachbarten Ida-Kirche war aus Bronze. Auf ihm befand sich der gemarterte Leib Jesu. Ich betrachtete es nur von fern durch die Glastür der Vorhalle. Im Gegensatz zur Friedenskirche war diese Kirche zwar jederzeit geöffnet, aber niemals hätte ich gewagt, sie zu betreten. Das durfte nur mein Freund Rüdiger. Er besaß eine Kette mit hölzernen Perlen und einem Kruzifix. In der Ida-Kirche bekreuzigte man sich beim Betreten und Verlassen mit Weihwasser. Bevor man sich in eine der Bänke setzte, machte man in Richtung des Altars mit dem Allerheiligsten eine Kniebeuge und bekreuzigte sich erneut. Und wenn sich der Pastor bekreuzigte oder das Segenszeichen des Kreuzes machte, dann durften sich alle Gemeindemitglieder ebenfalls bekreuzigen. Während der Lesung bekreuzigten sie sich dreifach auf Stirn, Mund und Brust, und am Ende der Messe machten sie ein großes Kreuz. Dabei bewegten sie die rechte Hand zuerst von der Stirn zum Bauch und dann von der linken zur rechten Brustseite. Die Russen, sagte Rüdiger, bekreuzigen sich auch. Aber sie machen es falsch herum, denn sie bewegen zum Schluss die Hand von der rechten zur linken Seite.
Rüdiger musste zur Kirche, ich durfte freiwillig gehen. Und noch weitere Unterschiede gab es zwischen den beiden Kirchen im Blick auf das Kreuz: In Rüdigers Kirche waren viele Bilder an die Wand gemalt. Sie zeigten Szenen aus den letzten Stunden von Jesu Leben. Kreuzwegstationen wurden sie genannt. Viele Besucher dieser Kirche trugen ein kleines Schmuckkreuz um den Hals. Zu Aschermittwoch machte ihnen der Pastor ein Aschenkreuz auf die Stirn, und er konnte mit Hilfe eines Kruzifixes den Teufel vertreiben.
Auf dem Rücksitz des Wagens lag die Mappe mit Fotografien von Kreuzen. Jürgen Hohmuth hatte sie zusammengestellt. Ich war auf dem Weg, um in der Einsamkeit des Nordens in Ruhe zu arbeiten. Da geschah es. Etwas Unverhofftes kreuzte meinen Weg. Der Wagen fuhr nicht mehr. Die Elektronik war zusammengebrochen. Nicht einmal die Warnblinkleuchte funktionierte. Ich stand mitten auf der Straße. Schnell verließ ich den Wagen und sicherte den Ort durch ein Warnschild.
Was tun? Wo Hilfe finden? Ich war seit elf Stunden unterwegs. Nach verschiedenen Versuchen konnte der Motor wieder gestartet werden. Ich fuhr zwei oder drei Kilometer weiter. Kein Haus weit und breit. Dann brach die Elektronik erneut zusammen. Das wiederholte sich einige Male, bis ich eine Parkbucht fand. Ich begab mich auf die Suche nach Hilfe. Oberhalb der Straße lag eine kleine Siedlung von vier oder fünf Holzhäusern. Ein Engel hing an der Eingangstür des ersten Hauses. Ich klopfte, aber niemand öffnete. Im nächsten Haus fand ich Hilfe. Zwei Hunde begrüßten mich und wedelten mit den Schwänzen. Aus der Wohnküche strömte der Duft von frisch gebackenen Waffeln.
Was tun? Die nächste Werkstatt befand sich in weiter Ferne. Das Wochenende stand bevor. Niemand hätte sich um das Auto kümmern können. Wichtig war vor allen Dingen Zeit zu gewinnen. Und die wurde mir durch die Menschen geschenkt, deren Teestunde ich durchkreuzt hatte. Sie liehen mir einen Wagen, damit ich erst einmal mein Fahrtziel erreichen konnte. Alles Weitere würde sich finden.
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Wege und Straßen durchziehen die Landschaften dieser Erde wie Adern unseren Körper. Blutbahnen, Verkehrsadern - manchmal laufen sie parallel, dann verzweigen sie sich wie Äste an einem Baum. Zuweilen berühren sie sich. Manchmal kreuzen sich Wege wie Linien auf der Innenfläche der Hand.
Ob wir einen Straßenatlas aufschlagen oder eine Verkehrsverbindung im Internet aufrufen, ob wir eine Radkarte oder einen Wanderführer studieren – überall leuchtet das Bild des Kreuzes hervor. Selbst die vom Menschen unberührte Natur in den großen Wäldern dieses Planeten zeigt das Bild des Kreuzes: Elch und Reh suchen sich auf festen Pfaden den Weg durch das Dickicht. Ein Netz von Wegen und Wegkreuzungen durchzieht Birkenwälder und die mit Flechten und Moosen bewachsenen Hochebenen der hohen Breitengrade.
Der Weg ist eines der großen Symbole für den Lebenslauf. Jeder Mensch geht seinen Weg. Jeder hat seinen eigenen Auftrag, seine eigene Berufung, sein eigenes Ziel. Doch niemand geht allein. Noch auf den einsamen Pfaden und Pilgerwegen des Herzens finden Begegnungen statt. Wo sich zwei Wege berühren, da entsteht das Bild des Kreuzes. Das Kreuz markiert den Ort einer Begegnung.
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Das Bild der belebten Straßenkreuzung gehört zu unserem Alltag. In den Großstädten brandet der Verkehr mehrspurig auf die Kreuzung zu. Straßenschilder und Ampeln regeln den Verkehr. Sie steuern den raschen Verkehrsfluss, der selbst nach Mitternacht nicht erliegt. Nirgendwo kommen so viele Menschen zusammen wie an einer Straßenkreuzung oder einem Autobahnkreuz. Und zugleich findet nirgendwo so wenig Begegnung statt. Die Kreuzung ist ein Ort, der zügig durchfahren werden muss. Wer zögert oder gar verweilt, der behindert den Verkehr und gefährdet Leben. Straßenkreuzungen sind keine spirituellen Orte.
In den Märchen und Mythen gelten Kreuzweg und Weggabelung als magische Orte der Begegnung. Hier treffen Reisende aufeinander, verweilen, tauschen Informationen und Waren aus. Doch auch die Geisterwelt liebt diese entlegenen Stätten weit draußen auf den Feldern oder in den Wäldern. Hier draußen blühen die bunten Blumen des Volksglaubens .
Den Weg, den eine schwarze Katze gekreuzt hat, soll man meiden. Das gilt auch für die Begegnung mit dunklen Gestalten auf den nächtlichen Straßen. Als man Alexander Puschkin zur Zeit des Dekabristenaufstandes nach Moskau rief, kehrte der Dichter sofort um, nachdem ein Hase seinen Weg gekreuzt hatte. So entging er der Hinrichtung.
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Am Kreuzweg des Herzens
stoßen die Gegensätze aufeinander:
Krankheit und Heilung,
Bann und Erlösung,
Tod und Leben,
Unglück und Glück.
Am Kreuzweg des Herzens
begegnen sich die Lebenden und die Toten.
Dann erkennen wir, was uns geprägt hat.
Dankbarkeit erfüllt uns, aber wir spüren auch,
was uns fehlt und versagt geblieben ist.
Das ist die Stunde der Sehnsucht nach wahrer tiefer Berührung.
Am Kreuzweg des Herzens erscheint der Zweifel.
Wohin soll ich gehen?
Welcher Weg ist richtig?
Welcher Weg führt in die Irre?
Der Kreuzweg des Herzens ist ein Scheideweg.
Hier scheiden sich die Geister.
Ich kann nicht in alle Richtungen zugleich gehen.
Ich muss einen Weg wählen.
Eine Entscheidung treffen im Beruf,
eine längst fällige Trennung vollziehen,
eine verworrene Beziehung hinter mir lassen.
Entscheidung ist Unterscheidung.
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Wenn wir die Arme ausbreiten und aufrecht stehen, wenn wir dann tief einatmen und den Atem wieder verströmen, dann spüren wir in uns seine Gegenwart. Dann wird auch durch unsere Leibgestalt das Kreuz sichtbar. Wir sind zwischen Himmel und Erde ausgespannt. Wir sind Kinder der Erde und des Himmels. Himmel und Erde kreuzen sich in uns. In uns begegnen sich Himmel und Erde. Der aufrechte Gang und die ausgebreiteten Arme legen davon Zeugnis ab. Aufrecht und mit ausgebreiteten Armen erfahren wir das Geheimnis des Lebens. Wer die Hände öffnet, der spürt, wie eine unsichtbare Kraft sie durchdringt. Im Kreuz unserer Arme leuchtet die Mitte des Lebens auf. In ihr berühren sich Himmel und Erde.
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Golgatha – das sind die Schädelstätten und Schinderhütten, die Folterkammern und gefliesten Kerkerwände, die Vernichtungslager. Golgatha – das ist die uralte Erfahrung des Leidens Unschuldiger: Flüchtlinge und politisch Verfolgte, Außenseiter und Querdenker, Menschen anderer Rassen und Religionen. Sie wurden zu Sündenböcken, zu Opfern der Willkür und des Wahns, Opfern von Neid und Eifersucht.
„Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha,
das heißt: Schädelstätte,
gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt;
und als er’s schmeckte, wollte er nicht trinken.“
(Matthäus 27. 33)
Der Berg Golgatha oder Golgotha ist der Ort der Kreuzigung Jesu. Der Name stammt aus der aramäischen Muttersprache Jesu. Das Wort „Golgotha“ bedeutet „Schädel“ oder „Kugel“. Diese Schädelstätte ist heute Teil der Grabeskirche in Jerusalem. Golgatha wird auch Kalvarienberg genannt - nach dem lateinischen Wort „calvaria“ („Hirnschale“ oder „Schädel“).
Golgatha ist ein mythischer Ort. Der Legende nach wurde der erste Mensch auf dem Hügel Golgatha beigesetzt. Sein Grab lag genau an der Stelle, wo Jesus einst gekreuzigt werden sollte. Adam und Christus wurden aufeinander bezogen wie Sünde und Sühne, wie Schuld und Vergebung. Deshalb findet man auf vielen Kreuzigungsdarstellungen des Mittelalters unter dem Kreuz Jesu einen hell glänzenden Totenkopf. Er symbolisiert den ersten Adam, durch dessen Fehltritt die Sünde in die Welt kam. Durch den Opfertod des zweiten Adam, so glaubte Paulus, werde die Sünde des ersten Adam gesühnt. Christus war der letzte Sündenbock und das letzte Opferlamm, das durch sein Leiden die Schuld sühnte. Nach seinem Tod sollte es keine Opfer mehr geben.
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„Ihr sollt nicht meinen,
dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde.
Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
Denn ich bin gekommen,
den Menschen zu entzweien mit seinem Vater
und die Tochter mit ihrer Mutter
und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.
Und des Menschen Feinde
werden seine eigenen Hausgenossen sein.
Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich,
der ist meiner nicht wert;
und wer Sohn und Tochter mehr liebt als mich,
der ist meiner nicht wert.
Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt
und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert.
Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren;
und wer sein Leben verliert um meinetwillen,
der wird’s finden.“
(Matthäus 10. 34-39)
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Jeder Mensch trägt sein eigenes Kreuz.
Doch manchmal geschieht das Wunder.
Dann kommt jemand und nimmt dein Kreuz auf sich.
Er opfert dir seine Zeit.
Er schenkt dir ein Lächeln
und der Schatten weicht aus deinem Gesicht.
Er schenkt dir sein Ohr
und dein kaltes Herz wird wieder warm.
Er reicht dir seine Hand
und du erhebst dich von den Toten.
Er geht voran
und du folgst ihm nach - ins Leben.
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Das Geschenk des Opfers ist mit dem Verstand nicht zu begreifen. Es überschreitet alle Vernunft, denn es ist ein Zeichen der Liebe. Die Liebe aber ist grundlos. Sie kennt keine Grenzen. Sie fürchtet nichts für das eigene Leben. Nicht einmal den Tod. Sie ist frei.
Die Kreuzwege der Märtyrer durchkreuzen mit ihrem Selbstopfer alle Logik der Selbstbezogenheit und alle Gesetze der materiellen Welt. So leuchtet in ihrem Bild die höchste Möglichkeit der Hingabe auf, zu der ein Mensch fähig ist – sich selbst um eines anderen Menschen willen zu opfern.
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Der Kreuzweg markiert Stufen der spirituellen Entwicklung auf dem Weg zur Mitte. Das Kreuz gibt sein Geheimnis schrittweise preis.
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Das Kreuz ist ein paradoxes Symbol,
so widersprüchlich und geheimnisvoll wie das Leben:
Aus einer Scheidung wächst eine neue Ehe.
Eine Krankheit führt zu seelischer Heilung.
Eine Krise zum Neubeginn.
Der Abschied führt zu einer neuen Begegnung.
Das Ende wird zum Anfang.
Aus dem Nährboden der Widersprüche wächst das Kreuz unseres Lebens.
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Das griechische Wort „stigma“ bedeutet „Zeichen“. Kreuze sind Wegmarken auf den verschlungenen Pfaden des Lebens. Wenn sie in Form einer offenen Wunde an Händen und Füßen und am rechten Rippenbogen erscheinen, spricht man von Stigmata. Die fünf Wundmale Jesu sind die fünf Stigmata.
Der erste Stigmatisierte war der Heilige Franz von Assisi (1182 – 1226). Seit seiner Bekehrung hatte er die Wundmale Christi im Herzen getragen. Am Ende seines Lebens wandelte sich auch sein Körper und verschmolz mit dem Leib Christi zu einer Gestalt. Der Heilige starb erblindet und abgemagert bis zum Skelett. Er war zu einem „zweiten Christus“ („alter christus“) geworden.
Über den Ort und den Vorgang der Stigmatisierung gibt es zeitgenössische Aufzeichnungen. Die Verwandlung geschah auf dem Gipfel des Berges Alverna. Das genaue Datum ist strittig. Vielleicht war es tatsächlich jener 17. September 1224, vielleicht war es zwei Jahre später kurz vor seinem Tod - da sah der Heilige einen gekreuzigten Engel mit sechs Flügeln. Zwischen den Flügeln des Seraphen erschien die Gestalt eines überaus schönen Menschen. Sein Anblick verwandelte den Heiligen: An Händen, Füßen und der rechten Seite bildeten sich die Wundmale Jesu. Bonaventura beschreibt sie so:
„Seine Hände und Füße waren in der Mitte von Nägeln durchbohrt; die runden schwarzen Nagelköpfe waren auf dem Rücken der Hände und Füße zu sehen, während die ziemlich langen Spitzen auf der anderen Seite zum Vorschein kamen und umgebogen waren und das übrige Fleisch, aus dem sie heraustraten, überragten. Auch hatte er an seiner rechten Seite eine rote Wunde, als wäre er von einer Lanze durchbohrt, und oft floss Blut daraus hervor, das sein Unterkleid und alles, was er auf den Lenden trug, durchtränkte.“
Das war aber nicht alles. Denn der gekreuzigte Engel überbrachte Franz eine Botschaft. Zu Lebzeiten des Heiligen wussten nur seine engsten Anhänger von diesen geheimnisvollen Wunden, und über die Worte des Engels wagte auch später niemand offen zu sprechen. Der Ort der Vision kann noch heute besichtigt werden. Er bildet das zentrale Heiligtum der Franziskaner: „Auf der ganzen Welt gibt es keinen heiligeren Berg“ – so lautet die Inschrift über dem mittelalterlichen Eingang zum Klosterbezirk auf dem Alverna. Über der Stelle, wo der Engel erschienen war, wurde bald die Kirche der Stigmata errichtet. Sie wurde dem Engel Michael geweiht. War er etwa in Gestalt des gekreuzigten Engels erschienen? Franz jedenfalls trug dem Bruder Rufinus unmittelbar nach der Vision auf, den Stein, auf dem der gekreuzigte Engel gestanden hatte, zu waschen und mit Öl zu salben. Dieser Stein liegt heute unter Panzerglas in der Kirche der Stigmata. Jeden Tag führt die tägliche Prozession zu diesem Ort der Wandlung. Sie findet um 15. 00 Uhr, zur Sterbestunde Jesu, statt.
Franz war der erste Stigmatisierte. Und gewiss hat er sich die Wundmale nicht selbst zugefügt. Seine Stigmatisierung war die Folge eines inneren Prozesses der Angleichung an das Vorbild: Zuerst verwandelte sich seine Seele, dann der Körper in die Gestalt Christi. Auf dem Berg Alverna wurde schließlich äußerlich sichtbar, was sich in der Seele des Heiligen bereits innerlich vollzogen hatte: Durch die Entflammung seiner Seele, so kommentierte später der Heilige Bonaventura, wurde Franz in die vollkommene Ähnlichkeit mit Christus verwandelt.
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Berühmte Stigmatikerinnen waren Gertrud von Helfta, Katharina von Siena, Theresia von Avila und Anna Katharina Emmerick (1774-1824), die „Mystikerin des Münsterlandes“. Als der Dichter Clemens von Brentano von ihren Visionen hörte, gab er seine eigene schriftstellerische Tätigkeit auf, zog für sechs Jahre in die Nähe der Gezeichneten und stellte sich ganz in ihren Dienst. Auf über 16000 großen Blättern schrieb er auf, was sie im Geiste sah.
Alle echten Stigmatisierten hatten eine mystische Begabung. Anna Katharina Emmerick konnte sich in die Zeit Jesu und seiner Mutter Maria zurückversetzen und Szenen aus deren Alltagsleben schauen, die nirgendwo in der Bibel aufgezeichnet sind. Was sie Clemens von Brentano in die Feder diktierte, waren Ergebnisse einer spirituellen Einfühlungnahme in das Leben Jesu. Wie sah das Zimmer aus, in dem sich Maria und Gabriel begegneten? Wo wohnte Jesus? Wie waren die Straßenverhältnisse zu seiner Zeit? - Wo die Bibel nur Andeutungen machte, wo sie schwieg oder einfach zu wenig erzählte, da füllten Anna Katharina Emmericks Visionen die Leerstellen.
Als Anna Katharina Emmerick 1824 in Dülmen starb, hatte das Zeitalter der Wissenschaften begonnen. Skeptiker witterten einen Betrug, und so wurde die Gezeichnete schon zu Lebzeiten von Ärzten untersucht. Auch der Vatikan reagierte gegenüber der Stigmatisierten zuerst mit Zurückhaltung. Anna Katharina Emmerick wurde erst im Jahre 2004 selig gesprochen. Insgesamt sind nur 13 Stigmatisierte als heilig anerkannt, darunter der Kapuzinerpater Padre Pio (25. Mai 1887 – 23. September 1968). Padre Pio wurde am 20. September 1918 stigmatisiert. Sein Grab in San Giovanni Rotondo am Fuße des Garganogebirges ist die größte christliche Wallfahrtsstätte in Europa. Sie wird von über acht Millionen Menschen pro Jahr besucht. Das sind mehr Pilger, als nach Lourdes, Fatima oder Assisi kommen.
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Viele Gläubige führten die Stigmata der Heiligen auf ein Wunder zurück. Andere blieben skeptisch und vermuteten eine natürliche Ursache wie Autosuggestion, Betrug oder Selbstverletzung. Den symbolischen Sinn der Wundmale als Erinnerung an die Wundmale Jesu berührt das nicht. Doch: Jesus trug die Stigmata nicht in den Innenflächen der Hände, sondern zwischen den Handwurzelknochen. Bei einer Kreuzigung wurden die Nägel niemals in die Handflächen eingeschlagen, weil diese unter dem Gewicht des Körpers gerissen wären. Dagegen befindet sich historisch korrekt auf dem Turiner Grabtuch der Abdruck eines Nagels am rechten Unterarm.
Seit Kaiser Theodosius I. (Regierungszeit 379 – 395) war die Todesstrafe der Kreuzigung im römischen Reich abgeschafft. So erinnerte sich im Mittelalter niemand mehr an den echten Vorgang einer Kreuzigung. Die Stigmata des Heiligen Franz entsprangen dem inneren Bild, das er in seiner Vision geschaut hatte. Aus ihm wuchs die Kraft der Verwandlung. Sie reichte tiefer, als es die Kirche geduldet hätte. Deshalb teilte man die Botschaft des gekreuzigten Engels nur hinter vorgehaltener Hand mit. Was hatte der wunderschöne sechsflügelige Bote gesagt? Im Sommer 1305 weilte der Franziskaner Ubertino von Casale auf dem Alverna und schrieb hier an seinem Buch über das Kreuz als Lebensbaum („Arbor Vitae crucifixae Jesu“):
„Ich begriff, dass dem hochheiligen Vater offenbart worden war, er sei in besonderer Weise in die Welt gesandt worden, um die Ruine des seraphischen Ranges wiederherzustellen. Denn es ist kein Zweifel, dass Lucifer diesem Rang angehört hätte, wenn er standgehalten hätte, und zwar als Ranghöchster. Deshalb nimmt man an, er habe eine große Verwüstung bei den ihm Unterstellten in diesem Rang angerichtet, die von den in Flammen stehenden Gliedern Jesu einmal wieder geheilt werden muss.“
Worum geht es? Es geht um das alte Symbol des Lebensbaumes, um Sünde und Erlösung, um den ersten Adam und den zweiten Adam und die Frage, wie weit die Macht der Verwandlung reicht. Das Kreuz ist der neue Lebensbaum, errichtet über dem Grab Adams. Die Kirche lehrte, dass Christus am Karsamstag hinab gestiegen sei in das Reich der Toten und Adam aus der Hölle befreit habe. Christus war gekommen, die Sünde zu sühnen und die gefallene Menschheit wieder zu Gott zu führen. Wer aber würde die gefallenen Engel erlösen? Denn auch das war kirchliche Lehre: Dem Sturz des Menschen auf Erden war der Engelsturz im Himmel vorausgegangen.
War Christus nur gekommen, um die Menschen zu erlösen? Er hatte sie von den Dämonen befreit. Nun irrten sie als Schattengestalten auf der Erde herum. Warum wurden nicht auch sie erlöst? Diese Frage beunruhigte auch den Heiligen. Er lehrte die Versöhnung, die Verwandlung der Welt durch die Liebe. Kein Wort von einer dunklen Seite Gottes findet sich in dem berühmten Lobpreis, den er für Bruder Leo aufgeschrieben hat. Wenn Gott nur Liebe war, wie sollten dann die Dämonen endgültig von der Erlösung ausgeschlossen sein? So aber lehrte und lehrt es die Kirche. Wer wie der Kirchenvater Origenes von der Allversöhnung zu sprechen wagte, der wurde in den Kirchenbann gesetzt. Hüllte sich der Heilige Franz aus diesem Grund in Schweigen?
Der gekreuzigte Gottessohn war gekommen, den gefallenen Menschen zu erlösen. Nun erschien der gekreuzigte Engel, um den gefallenen Engel zu retten. Im Kreuz berühren und durchdringen sich Himmel und Erde zu neuer Einheit. Sie wird eines Tages die gesamte geschaffene Welt umfassen. Das war vielleicht der Inhalt der Vision des Heiligen. Ihm ging es um die Verwandlung der Schöpfung. Sie würde am Ende alles durchdrungen haben. Das glaubte Franz. Aber das durfte niemand laut sagen.
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Kreuzberge waren ursprünglich Pilgerorte. Oben auf dem Berg stand ein Kloster oder eine kleine Kapelle. Der Weg auf den Berg führte über verschiedene Kreuzwegstationen, an denen der Pilger an die Stationen des Leidensweges Jesu erinnert wurde. Über 60000 Kreuze stehen auf dem Berg der Kreuze (Kriziu Kalnas) in Litauen. Er liegt zehn Kilometer vor der Stadt Siauliai (Schaulen), an der Straße in Richtung Riga. Der Berg der Kreuze ist ein nationales und religiöses Symbol der Litauer. Im 14. Jahrhundert diente er als Festung im Kampf gegen die Kreuzritter des livländischen Ordens. Später erinnerten die Kreuze auf diesem Hügel an die Aufstände gegen die russischen Zaren (1831/1863) und an die zahlreichen Litauer, die nach Sibirien deportiert worden waren. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist der Berg der Kreuze als Wallfahrtsort über Litauens Grenzen hinaus bekannt. In der Zeit der sowjetischen Besatzung (1940 – 1989) wurde ein Drittel der Bevölkerung Litauens getötet oder verbannt. Zum Gedenken an die Deportierten errichteten die Angehörigen Kreuze. Immer wieder wurde der Berg der Kreuze von den russischen Besatzern mit Bulldozern niedergewalzt. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist der Berg der Kreuze ein Ort der Erinnerung an die Opfer der Gewaltherrschaft in Ost und West. Franziskaner, die seit dem 13. Jahrhundert in Litauen leben, haben ein „Haus der Stille“ am Fuß des Berges der Kreuze gegründet und eine Patenschaft mit dem La Verna, dem heiligen Berg ihres Ordens, gegründet. Auf dem La Verna empfing der Heilige Franz die Wundmale Christi. An der Stelle seiner Verwandlung sagte Papst Paul II. am 17. September 1993:
„Die ganze Menschheit, besonders Europa,
sollte zum La Verna und zum Berg der Kreuze gehen,
um die Verweltlichung überwinden zu können.“
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Niemand wird ohne Narben
an Leib und Seele erwachsen.
Doch wer sieht die Wundmale deines Herzens?
Wer sieht das Sandkorn des Schmerzes,
das in der Muschel deines Herzens zur Perle reift?
Was dich im innersten Bezirk verletzte,
weiß allein der Freund.
Dein Kreuzweg ist ein Pilgerweg des Herzens.
Doch Er kennt jene Station.
Das Kreuz ist der Baum des Lebens.
Hier entspringt die Quelle lebendigen Wassers –
das Wasser des Glaubens,
das Wasser der Liebe
das Wasser der Hoffnung.
Hier liegt die Quelle der Barmherzigkeit.
Das Kreuz ist der Ort der Wandlung.
Aus seiner Mitte strömt noch immer die Kraft,
die Krankheiten heilt und offene Wunden schließt,
die gebrochene Glieder zusammenfügt
und ermatteten Seelen neue Zuversicht schenkt.
Der Brunnen der Spiritualität ist nicht versiegt:
Noch immer wird aus Trauer Freude,
aus Angst Zuversicht,
aus Verzweiflung neue Gewissheit.
Das Kreuz ist das Zeichen des Freundes.
Er sagt:
Ich bin das Licht der Welt.
Wer mir nachfolgt,
der wird nicht wandeln in Finsternis,
sondern wird das Licht des ewigen Lebens haben.
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Literaturhinweis
Uwe Wolff/Jürgen Hohmuth. Das Kreuz. Wo Himmel und Erde sich berühren. 2005.
