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Der vierte König:

Das unglaubliche Leben Edzard Schapers (1908-1984)

 

 

Edzard Schaper winkend 1970

 

 

 

1. Zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus:

Leben im Zeitalter der Diktaturen

 

Flucht, Vertreibung, Gefangenschaft und Exil bilden den historischen Kontext des Werkes von Edzard Schaper (1908-1984), der neben Thomas Mann und Ernst Jünger zu den großen Repräsentanten des 20. Jahrhunderts gehörte. Schaper wurde von Hitler und Stalin zum Tode verurteilt. Sein abenteuerliches Leben zwischen den großen Diktaturen gibt einen bisher unbekannten Einblick in die europäische Geschichte.

 

Am 16. Juni 1947 traf Edzard Schaper aus dem schwedischen Exil in Zürich ein. Obwohl erst im 39. Lebensjahr stehend, hatte er bereits ein außerordentlich erfahrungsreiches Leben zwischen den politischen Spannungsfeldern des Stalinismus und des Nationalsozialismus hinter sich. Im Juli 1940 war er wegen seiner entschieden antisowjetischen Haltung und seines Engagements für die im Untergrund lebenden russischen orthodoxen Priester zum Tode verurteilt worden. Am 31. Oktober 1944 folgte das Urteil des deutschen Volksgerichtshofs wegen „Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung zum Tode“. In der Begründung hieß es: „Der Angeklagte ist ein ehrloser Vaterlandsverräter. Sein feiges Verhalten hat besonders im gegenseitigen (sic!) Höhepunkt des Daseinskampfes des Deutschen Reiches sowohl im feindlichen als – auch im neutralen Ausland Aufsehen erregt. Die feindliche Propaganda hat sich dieses Falles in der Tat für ihre Zwecke bemächtigt und durch Funk, Presse und Rundfunk der Welt davon Mitteilung gemacht. Das Ansehen des Reiches ist dadurch erheblich geschädigt worden. Der Angeklagte hat somit überdies schon als Wehrdienstverweigerer die Todesstrafe verwirkt (sic!). Auf diese hat der Volksgerichtshof erkannt. Daneben waren dem Angeklagten die Ehrenrechte auf Lebenszeit abzusprechen.“

 

Als Sohn eines Offiziers war Edzard Schaper im deutsch-russischen Grenzgebiet aufgewachsen (1908-1922). Er besuchte eine Schule in Hannover (1922-1925) und studierte gleichzeitig Musik, schrieb die erste Barlach-Biographie und inszenierte in Stuttgart den „Blauen Boll“ (1926), verfasste mit 18 Jahren zwei Romane, versuchte sich auf einer kleinen dänischen Insel an einem monumentalen Händelroman (1927-1929), arbeitete in Polen als Gärtner (1929) und fuhr als Matrose zwischen Spitzbergen und Murmansk zur See (1930). Verheiratet mit einer in St. Petersburg/Russland geborenen Deutschbaltin, wohnte er in Estland (1931-1940). Gefördert durch Katharina Kippenberg veröffentlichte er im Insel Verlag Bücher mit religiösen Themen, darunter „Das Leben Jesu“ (1936) und den Roman „Die sterbende Kirche“ (1936). Diese Veröffentlichungen machten seinen Namen in der Bekennenden Kirche schlagartig bekannt. Nach der Besetzung des Baltikums durch die Sowjetunion floh Schaper nach Deutschland (1939). Da zwei seiner Schwestern mit Juden verheiratet waren, musste er die Folgen des Antisemitismus aus unmittelbarer Nähe erleben. Schaper übersiedelte nach Finnland (1940-1944) und suchte nach der sowjetischen Eroberung Kareliens Zuflucht in Schweden (1944-1947). Hier verdächtigte die schwedische Ausländerbehörde den inzwischen zweifach zum Tode Verurteilten der Spionage für Deutschland und internierte ihn in ein Lager, um ihn ins Ausland abzuschieben. Der Verdacht machte seiner Familie das Leben in Schweden außerordentlich schwer und löste in dem Dichter selbst eine lang anhaltende psychische und spirituelle Krise aus. In ihr stellte sich Schaper unter dem Eindruck der paulinischen Theologie die Frage nach der Möglichkeit eines letzten und unantastbaren Grundes der Freiheit.

 

 

2. Die Nachkriegszeit

 

Es war das Verdienst des jungen Zürcher Germanisten Max Wehrli (1909-1998), dass Edzard Schaper in die Schweiz übersiedeln konnte. Gegenüber der Fremdenpolizei hatte er bereits am 26. Januar 1947 Schaper zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart gezählt und ihm eine glänzende Karriere prophezeit. Wehrli schrieb 1952 auch das Geleitwort zu seiner Essaysammlung in Peter Schifferlis Arche Verlag, mit dem Schapers biographischer Hintergrund und seine vollständige Bibliographie der Jahre 1927-1952 den Lesern erstmals bekannt wurde. Mit diesem Geleitwort prägte Wehrli die Schaper-Rezeption der Nachkriegszeit in außerordentlich positiver Weise. So wurde Schaper schon in den Fünfziger Jahren zu einem der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren, dessen Werk sogar in den Kanon der Schulbücher aufgenommen wurde.

 

Mit Blick auf den Lebenslauf des Freundes betonte Max Wehrli das Exemplarische an Schapers Leben zwischen den Zeiten. Dieses Urteil gilt für Edzard Schapers Stellung in der Literatur- und Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts auch weiterhin:

 

In einem bedeutenden dichterischen Dasein sagen sich Leben und Dichtung gegenseitig aus, sind nur zwei Aspekte derselben geheimnisvollen Mitte. Und diese Mitte ist wiederum keine nur private, sondern steht in Tausch und Wechsel mit dem Schicksal der Epoche. Eine Lebenskurve wie die des heute erst 44 jährigen (sic!) wäre einst ungewöhnlich und abenteuerlich erschienen, und sie ist es, persönlich gesehen, auch heute noch. In der Zeit zweier Weltkriege aber, und all der unerhörten Untergänge im Sichtbaren und Unsichtbaren hat ein solches Leben stellvertretende Bedeutung, oder es hat gar in seiner Unruhe manches vorweggenommen und vorweggelitten, was erst später allgemeine Erfahrung wurde.“

 

Edzard Schaper schuf ein unvergleichliches Lebenswerk, das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde und ihn heute als einen der bedeutendsten christlichen Autoren der Nachkriegszeit ausweist. In seinen Romanen, Predigten und seinem essayistischen Werk entfaltet er das Problem der Freiheit aus christlicher Perspektive auf dem politischen Hintergrund der bewegten Geschichte Europas und des Schicksals seiner Völker zwischen den Grenzverschiebungen und politischen Umwälzungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und des „kalten Krieges“ der Nachkriegszeit.

 

Die Frage nach der Freiheit des Menschen hatte durch persönliche Erfahrung der Totalitarismen in Ost und West für Edzard Schaper und viele seiner Leser eine bedrängende Aktualität erhalten. Als Schaper in der Schweiz seinen Roman „Die Freiheit des Gefangenen“ (1950) veröffentlichte, befanden sich noch viele Kriegsgefangene in russischen Lagern. „Der Mensch in der Zelle“ (1951) ist für Schaper zugleich ein zeitübergreifendes Symbol für das Leben in einer Welt ohne Transzendenz. Aus diesem Gefängnis des Nihilismus gibt es für ihn nur einen Weg in die Freiheit: die Rückbesinnung auf ein Selbstverständnis des Menschen im Horizont der christlich-jüdischen Anthropologie in ökumenischer Offenheit und interreligiöser Dialogbereitschaft, sowie dessen Ausgestaltung in einem freien Europa. Schaper ist gerade als christlicher Schriftsteller ein eminent politischer Denker und wird als solcher in den Ländern des Baltikums bis heute wahrgenommen. Die geisteswissenschaftlich-kulturellen und religiösen Herausforderungen eines zusammenwachsenden, erweiterten Europas sind mindestens ebenso groß wie die ökonomischen und naturwissenschaftlich-technischen Aufgaben.

 

Schaper blieb bei der Kritik des sowjetischen Menschenbildes nicht stehen. Er engagierte sich vielmehr für eine lebendige Erinnerung an die Völker und Kulturen Osteuropas hinter dem „eisernen Vorhang“ und die reiche Tradition der russischen orthodoxen Kirche und ihrer Märtyrer. „Vergeßt uns nicht! Auch wir sind Europa!“, lautet sein Appell im Jahr des Ungarnaufstandes, mit dem er sich in der Schweiz zum Sprachrohr der Völker des Baltikums, Polens, Russlands und Ungarns macht: „Was immer Europa leidet – wir leiden mit. Was immer Europa arbeitet – es arbeitet mit uns und für uns. Was immer Europa feiert – es feiert unseren bedrängten und verfolgten Glauben mit. Und in dunklen, verödeten, bespitzelten Kirchen feiern wir insgeheim und unsichtbar in der unsichtbaren Kirche mit, die alle Konfessionen umschließt.“

 

Aus heutiger Sicht sind Leben und Werk Edzard Schapers ein Paradigma der interkulturellen, interreligiösen und internationalen Herausforderungen einer europäischen Einheit, das auch den Osten und seine komplexe Geschichte in den Blick nimmt und das christliche Erbe in seinen unterschiedlichen ökumenischen Ausprägungen als Fundament einer freiheitlichen Grundordnung Europas sichtbar werden lässt.

 

Edzard Schaper mit seiner Tochter Elin 1939