Aus meinem Lebenslauf
„Sagt Mutter, ‚s ist Uwe!“
(Otto Ernst. Nis Randers)
Ich wurde am 27. Juli 1955 um 11.03 Uhr in der Raphaelsklinik geboren. Meine Eltern waren Flüchtlinge. Die Mutter kam aus Königsberg, der Vater aus Sagan/Schlesien. Meine Geschwister und ich waren somit Kinder einer „Mischehe“. Das war im katholischen Münster der Fünfziger Jahre ein spiritueller Makel, der jedoch auch ein Fehlverhalten gegenüber kirchlichen Würdenträgern entschuldigen konnte. So stand ich 1959 wie die anderen Kinder des katholischen Kindergartens St. Ida vor dem Heiligen Nikolaus, hinter dem ein pechschwarzer Knecht Ruprecht mit der Rute drohte. Die Verkleidung durchschaute ich nicht, und wusste auch nicht, dass der „Herr Kaplan“ in dem roten Nikolauskostüm steckte. Alles war so heilig und ehrfürchtig, dass ich voller Ergriffenheit vor dem Heiligen Nikolaus stand und geradezu erschüttert war, als dieser mir aus dem goldenen Buch vorlas, was ich letzte Woche verbrochen hatte: Ich hatte der Tata, unserer lieben Tante Martha, widersprochen. Als mich der Heilige Nikolaus nach meinem Namen fragte, verschlug es mir die Sprache. Dann aber sagte ich: „Ich bin der Heilige Uwe!“ Nur das erklärende Wort der Kindergärtnerin rettete mich. Tante Anneliese sagte dem Nikolaus: „Das ist das Kind aus der Mischehe!“ Das erklärte damals in Münster alles Fehlverhalten.
Ich habe zwanzig Jahre lang Religionslehrer/innen für den Gymnasialdienst ausgebildet. Wenn ich sie fragte, welcher akademische Lehrer sie geprägt habe, konnten sie keine Antwort geben. Das war nicht ihre Schuld. Meine Lehrer waren Hans Wollschläger, Kurt und Barbara Aland, Herwig Blankertz, Eckhard Heftrich, Friedrich Ohly und Hans Blumenberg. Evangelisch getauft und konfirmiert, aufgewachsen in der Kirche Luthers, habe ich bei Barbara Hallensleben mit einer Biographie über den Hagiographen Walter Nigg in katholischer Theologie promoviert. Seitdem bin ich das Kind aus der konfessionsverbindenden Ehe.
Das Leben mit drei Geschwistern, den Großeltern, der Großtante und meinen Eltern hat mich mehr geprägt als die Schule. Deshalb gebe ich gerne die folgenden Kindheitsbilder preis. Sie führen zurück in eine entschwundene Zeit der Fünfziger und Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts und leuchten doch durch alles hindurch, was mich als Autor beschäftigt.
Baum: Wurzeln haben
Erbdrostenweg 44a in Münster-Gremmendorf: Im Spätherbst wurden im Garten meines Vaters die Dahlien aus der Erde genommen, Stauden mit dem Spaten getrennt und junge Bäume umgepflanzt. Der Vater stach ihre Wurzeln weiträumig ab. Die Wurzelballen waren so schwer, dass wir Kinder sie nicht aus dem Erdloch heben konnten. Jungen Bäumen, sagte der Vater, tue es durchaus gut, wenn sie gelegentlich umgepflanzt werden. Einen alten Baum dagegen solle man nicht verpflanzen, sein Wurzelwerk sei zu weit verzweigt. Bei einigen Bäumen könne es so groß sein wie die Baumkrone.
Über die Botschaft der Bäume dachten wir Kinder nicht nach. Wir erlebten sie unbewusst beim Klettern in den Bäumen. Wie sie, so wollten auch wir hoch hinaus. Wir hatten keine Angst vor großen Höhen und liebten den Wind, der die Äste wiegte, an die wir uns klammerten wie junge Affen an das Fell ihrer Mütter. Bäume wuchsen nicht nur in die Höhe, sondern auch in die Breite. Davon legten die immer breiter werdenden Herzen und Namenszüge Zeugnis ab, die einst von Liebespaaren in die Baumrinde geritzt worden waren. Wir verletzten die Rinde nicht, denn wir wollten nicht, dass die Bäume bluteten. Die Sommermonate verbrachten wir im Wald. In den Wintermonaten führte uns die Mutter durch die geheimnisvollen Wälder der Grimmschen Märchen. Von Bäumen war auch viel die Rede in den Volksliedern, die wir Anfang der Sechziger Jahre noch selbstverständlich lernten. Aus diesem Wurzelwerk der Kindheit bildete sich eine Empfänglichkeit für Bilder von Bäumen, aber auch für Symbole überhaupt.
Berg: Überblick gewinnen
Wenn wir im Winter rodeln wollten, dann mussten wir zum Bahndamm gehen, denn Münster hatte nur einen Berg, und das war der „Monte Scherbelino“, der Müllberg im Stadtteil Coerde. Die Großeltern aber liebten die Berge. So fuhren sie mit uns im Sommer nach Mayrhofen ins Zillertal. In der Pension Fleidl hatte Opa Franz das Basislager für unsere Bergwanderungen aufgeschlagen. Am ersten Tag bekam jedes Kind einen Eispickel geschenkt. Für echte Gletschertouren waren sie nicht geeignet, doch gaben sie uns das Gefühl, auf gefährlichen Pfaden zu wandern. Mit unseren Eispickeln unternahmen wir Spaziergänge an den Hängen des Steinerkogel oder des Penken. Am zweiten Tag machten wir eine größere Wanderung. In der Morgenfrühe brachte uns das Taxi ans Ende eines der Seitentäler, von wo aus der Aufstieg begann. Der Lohn war ein zweifacher: Zuerst einmal wurden wir auf dem Gipfel mit einem wunderbaren Ausblick beschenkt. Tief unter uns sahen wir die Dörfer und Gehöfte, die Straßen und Autos, die Bäume und Sträucher, die Menschen und Tiere. Mich erinnerte der Anblick an die Miniaturlandschaft meiner Modelleisenbahnanlage. Doch auch der Anflug eines erhabenen Gefühls stellte sich ein. So wie wir jetzt, dachte ich, mochte Gott alle Zeit auf die Erde blicken. Über den Vergleich mit der Modelleisenbahnanlage ließ sich mit den Großeltern sprechen. Das andere aber entzog sich der Mitteilung. Unten im Tal wieder angelangt, erhielten wir das zweite Geschenk: eine silberne oder bunte Medaille, die wir auf den Eispickel nagelten.
Heute lagern die Eispickel aus frühen Kindheitstagen irgendwo im Keller des Elternhauses. Die Bilder aber, die wir damals auf den Bergeshöhen schauten, leben noch immer in unserer Seele. Der Eispickel ist museumsreif. Die inneren Bilder aber sind lebendig geblieben. Sie sind mit uns gewachsen. In jedem Geschwister auf eine ganz besondere, einmalige Weise, denn sie haben sich verbunden mit neuen Eindrücken und neuen Erfahrungen. Sie wurden verwandelt in die Berge des Herzens und in eine innere Landschaft. Wenn wir in sie eintauchen, dann gewinnen wir mitten im Alltag jenen Überblick, aus dem heraus sich das Leben ordnet und Tiefgang erhält.
Blumen: Zum Licht streben
In der Küche des Elternhauses hing das Bild meiner Großmutter Gertrud Moeck. Sie starb 1950, fünf Jahre vor meiner Geburt. Unter ihrem Bild befand sich eine kleine herzförmige Vase, die mit Blümchen im Wechsel der Jahreszeiten geschmückt wurde. Im Herbst wurden kleine Zweige von Heidekraut hineingesteckt, die sich den ganzen Winter über hielten. Sie hatten das Licht des Sommers in sich aufgenommen und lebten aus ihm noch lange Zeit. Das deutete auf ein Mysterium der Wandlung hin.
Gesang: Die Stimme der Engel
Zu Hause wurde viel gesungen. Es waren Volkslieder, die unsere Eltern von ihren Eltern gelernt hatten. Auch in der Schule ertönte Gesang, und am Nachmittag gingen wir zu Anni Keil in den Blockflötenunterricht. Klänge aus Fernseher, Videorecorder, CD-Player und Cassettenrecorder gab es noch nicht. Dafür summte der Wasserkessel auf dem Herd, die Blätter rauschten, der Loddenbach murmelte und die Vögel zwitscherten, die Schweine grunzten, die Kühe muhten, die Pferde wieherten – die Welt war Klang. Im Herbst bastelten wir Laternen, zogen mit ihnen um eine Lichterpyramide und sangen die alten Lieder. In einem war die Rede von den neuen Chören der Engel.
„Guter Freund, ich frage dich:
Sag mir, was sind neune?
Neun Chör‘ der Engel...“
Was ein Engel ist, wusste jedes Kind. Aber was sind neun Chöre der Engel? Tante Anneliese erklärte es uns. Jedes Kind hat einen Schutzengel, sagte sie. Schutzengel sind den ganzen Tag damit beschäftigt, auf uns aufzupassen. Doch neben unseren Schutzengeln gebe es noch viel mehr Engel. Einige von ihnen wohnten direkt bei Gott. Sie hätten nichts anderes zu tun, als den ganzen Tag wunderschöne Lieder zu singen. Da könnten wir uns vorstellen, wie glücklich diese Engel seien. Von ihnen gebe es insgesamt neun Chöre. Sie werden noch glücklicher, wenn wir mit ihnen singen. Dann sang Tante Anneliese mit uns ein Lied.
Heilige Orte: Stätten der Zuflucht
Fangspiele waren unter uns Kindern äußerst beliebt. Sie hießen: „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?“ oder „Ochs am Berge eins, zwei, drei“. Doch die ständige Bewegung und innere Anspannung hätten nicht halb so viel Spaß gemacht, wenn es nicht auch Stätten der Zuflucht gegeben hätte. Wer um sich herum mit dem Stock einen Kreis in den Boden zeichnete und „heilig“ rief, der durfte nicht berührt werden. Er konnte durchatmen und neue Kräfte schöpfen. Heilige Orte bieten der Seele und dem Körper Schutz. Bei uns Kindern konnte neben den Kreisen jeder Gegenstand zum heiligen Ort werden: Die Mauer von Rendemann, der Pfeiler vor Brockes Haus, das Garagentor von Bärtls. Für den heiligen Ort gab es nur eine Voraussetzung: Alle Mitspieler mussten sich einig sein, dass dies ein heiliger Ort war, und wichtiger noch: sie mussten ihn als solchen respektieren. Dass wir mit unseren Fangspielen einer uralten Tradition folgten, wussten wir nicht. Seit alters her gilt nämlich als unumstößliches Gesetz: Wer auf der Flucht vor seinen Verfolgern Zuflucht an dem heiligen Ort gefunden hat, der ist geschützt. Niemand darf ihn mit Gewalt ergreifen. Der heilige Ort ist tabu.
Himmel: Im Weltraum der Seele
Gott wohnt im Himmel. Deshalb war es in früheren Zeiten verboten, sich dem Himmel zu nähern. Einige Menschen im alten Babylon hatten hohe Türme gebaut, die Gott zum Einsturz gebracht hatte. Ikarus stürzte vom Himmel. Nur der kleine Häwelmann überlebte den Himmelsflug. Er war eben listiger als andere. Er hatte sein Hemdchen wie ein Segel gespannt, aus voller Kraft hineingeblasen und war so mit seinem Kinderwagen durch das Schlüsselloch gefahren. Das Märchen von Theodor Strom mochte ich besonders gerne, denn auch ich konnte als Kind fliegen. Allerdings nur in den Träumen. Es war ganz einfach. Ich brauchte nur die Arme auf und ab zu bewegen, und schon erhob ich mich in die Lüfte. Erhebend war es auch, die Sterne am Himmel zu betrachten und dabei die alten Mondlieder zu singen: „Guter Mond, du gehst so stille, durch die weite, weite Welt“ oder Matthias Claudius‘ „Der Mond ist aufgegangen“. In diesem Lied wurde eine abendliche Landschaft besungen, wie sie auch vor der Tür meines Elternhauses lag: „Der Wald steht schwarz und schweiget und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar.“
Dann begann das Zeitalter der bemannten Raumfahrt. Zuerst flog die Hündin Leica in den Himmel, dann Jurij Gagarin, und im Jahre 1969 betrat der erste Mensch den Mond. Gagarin spottete später, er habe Gott im Himmel nicht finden können. Auch in mir hatte sich das Bild des Himmels gewandelt. Ich bekam Angst vor der unendlichen Tiefe des Weltalls. Wo soll da Gott wohnen? Damals besaß ich ein Aquarium. Wenn ich die Fische beobachtete, dann dachte ich manchmal: Vielleicht betrachtet uns Gott so wie ich die Fische? Vielleicht ist das Weltall das Aquarium Gottes? Diese Vorstellung aber löste noch mehr Beunruhigungen aus. Denn mein Aquarium stand in meinem Zimmer, das Zimmer in einem Haus, das Haus auf dem Erbdrostenweg: In welchem Zimmer aber stand Gott? Und welche Räume befanden sich hinter Gott? Da wurde es unheimlich, denn wer kann einen Raum ohne Anfang und Ende denken? So unbegreiflich wie der Himmel über mir war das Universum der Gedanken, Gefühle und Vorstellungen in mir. Die Seele war so klein, dass sie unter keinem Mikroskop sichtbar gemacht werden konnte, und doch waren ihre inneren Räume zugleich so groß wie der Himmel über mir.
Irgendwann begriff ich: Der Himmel Gottes liegt nicht hinter dem Andromeda-Spiralnebel oder der Großen Magellanschen Wolke, sondern jenseits von Raum und Zeit. Deshalb kann er mit der Vernunft nicht begriffen werden.
Hund: Treuer Wegbegleiter
Am Samstagnachmittag war Badetag. Zuerst badete Oma, dann Opa, dann Tante Martha und dann wurde auch unser Bambilo in die Wanne gesetzt. Wir Kinder wunderten uns jedes Mal, wie schmal er plötzlich aussah, wenn Oma Selma ihn abgeduscht hatte. Über das nasse Fell streute sie anschließend einen Messbecher voll Persil und massierte das Waschpulver in das weiße Fell ein. Bambilo ertrug die Prozedur mit einer Engelsgeduld. Er war nicht der erste Hund meiner Großmutter, aber gewiss der sauberste. Bambilo war ein weißer Spitz. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem er von einem Lastwagen des Getränkevertriebs Lehnig angefahren wurde. Nun war das schöne weiße Fell rot gefärbt. Sein Nachfolger war ein adeliger Langhaardackel. Er hieß Troll vom Wäldchen. Ihm fehlte die Robustheit, und so wurde er der Wegbegleiter des kranken Großvaters. Wenn Opa Franz auf seinem Spaziergang stehenblieb und eine „Pille“ schluckte, weil „die Pumpe“ nicht mehr mitmachte, dann wartete Troll neben ihm. Er wartete auch noch jeden Tag auf seinen Weggefährten, als dieser längst gestorben war.
Licht des Lebens
Manchmal schließe ich die Augen und sehe Lichter: Sie brannten am Weihnachtsbaum und an den Geburtstagen in einem Lichterkranz aus Holz. Für jedes neue Lebensjahr gab es eine Kerze. Je älter wir Geschwister wurden, desto mehr Kerzen wurden entflammt. Irgendwann wurde dieser Brauch nicht mehr gepflegt. Wahrscheinlich mit dem Erreichen des zehnten Lebensjahres. Mit diesem Geburtstag jedenfalls verbinde ich eine ungute Erinnerung. Eine Grenze schien erreicht worden zu sein. Zum letzten Mal in meinem kurzen Leben konnte ich die Lebensjahre an meinen zehn Fingern abzählen. Ich wurde alt und älter. Wie groß müsste der Lichterkranz eines 30jährigen sein? Mir schauderte.
In der Mitte des Geburtstagslichterkranzes stand alle Jahre wieder eine besondere Kerze. Wenn auf der Feier die kleinen Kerzen ausgeblasen wurden, dann mussten wir darauf achten, dass dieses Licht in der Mitte weiter leuchtete. Es war das Lebenslicht. So hatte es uns die Mutter gelehrt. Doch was ist ein Lebenslicht? Das ließ sich nicht einfach in Worte fassen, denn es war ein Geheimnis. Abends, wenn die Mutter aus dem in rotes Leinen gebundenen Märchenbuch der Brüder Grimm vorlas, flackerte zuweilen auch das Lebenslicht auf. In einem Märchen betrat der Held eine Höhle. In ihr brannten Kerzen unterschiedlicher Länge. Große, hohe Kerzen symbolisierten ein langes Leben, kleine Kerzen dagegen deuteten den baldigen Tod an. Für jeden Menschen auf der Welt gab es hier unten eine Kerze. Sie war das Lebenslicht. Der Held war jung und dachte, sein Lebenslicht sei eine der großen Kerzen. Er täuschte sich.
Licht ist Leben. „Freut euch des Lebens, solange noch das Lämpchen glüht...“, sangen die Alten. Auch wir Kinder sangen vom Licht. Im Spätsommer zogen wir mit unseren selbst gebastelten Lampions durch die Abenddämmerung, wenn im Münsterland am 17. September das Lambertusfest gefeiert wurde. Wer der heilige Lambertus war, wussten wir nicht. Vielleicht hat man es uns nicht erzählt. Vielleicht haben wir einfach weggehört. Auf dem Prinzipalmarkt, der guten Stube der Stadt, steht die Lambertikirche. An ihren Türmen hängt eine Nachbildung der drei Käfige, in denen die Wiedertäufer verhungerten, und in der Kirche erinnert eine Bronzetafel an den Kardinal von Galen, der Anfang der vierziger Jahre an diesem Ort gegen die Ermordung geistig Behinderter gepredigt hatte. Doch auch von diesen geschichtlichen Ereignissen wussten wir Kinder nichts. Wir lebten ja noch im mythischen Zeitalter. Vor dem Lambertusfest zimmerten die Väter Holzpyramiden aus Dachlatten, schmückten sie mit Laub oder Zweigen der Thuja und steckten Lichter zwischen das Grün. Wir Kinder zogen im Kreis um die Lichterpyramide und sangen:
„Ich geh mit meiner Laterne
und meine Laterne mit mir.
Da oben leuchten die Sterne,
hier unten, da leuchten wir...“
Im Nachglanz nehmen die Lichter der Kindheit an Leuchtkraft zu. Das Lambertussingen machte Spaß. Dazu kam, dass wir noch aufbleiben durften, obwohl es bereits dunkel geworden war. Aber spürten wir auch jenen Zauber einer anderen Welt, deren Lichter oben am Himmel unseren kleinen Lichtern Antwort zu geben schienen? Da oben leuchten die Sterne, hier unten, da leuchten wir: Welch ein Bild der Harmonie! Erst im Rückblick auf die Kindheit geht uns ein Licht auf und wir erkennen: Die Welt ist wunderbar im Ganzen. Sie ist in Licht gehüllt.
Rose: Vom Geheimnis der Liebe
Im Herbst, als sich die Blüten der Rosen in Hagebutten verwandelt hatten, gingen wir auf Mädchenjagd. Wir brachen die roten Früchte auf, sammelten die behaarten Samen und steckten sie den Mädchen in den Rückenausschnitt. Wir nannten die Samen „Juckpulver“. Es verfehlte seine Wirkung nicht. Auch nicht bei Frau Müller-Hoppe, unserer Lehrerin. Vom Fenster des Klassenraumes aus hatte sie uns beobachtet. Nach der Pause zückte sie den Rohrstock. Auf unserer weißen Haut bildeten sich rote Striemen. Die Lehrerin hatte keine Ahnung, dass der Schmerz in uns genau das Gegenteil einer Strafe bewirkte: Er gab dem versteckten Liebeswerben eine Tiefendimension. In ihr bildeten Schönheit und Schmerz eine geheimnisvolle Einheit.
Dass die Rose ein besonderes Geheimnis hütete, begann ich auch zu ahnen, als ich in jenen Herbsttagen im väterlichen Garten den Torfmull über die Rosenbeete streute. Die Rose trug zarte, weiche Blätter, aber sie besaß auch gefährliche Stacheln, an denen ich mir trotz aller Vorsicht die Hände blutig stach. Es waren winzige Verwundungen, und mit Staunen betrachtete ich die kleinen roten Tropfen, die sich auf der weißen Haut bildeten und so stumpf schmeckten, wenn ich sie ableckte.
Spiegel: Die Stimme der Wahrheit
Im Badezimmer hing ein Spiegel, aber wir Kinder schauten selten hinein. Wir hatten noch kein Interesse an unserem Spiegelbild. Unsere Seele war noch ganz unbekümmert. Sie fragte nicht, ob die Haare gekämmt, der Schlaf aus den Augen oder die Marmelade von der Oberlippe gewaschen worden war. Auch um die Kleidung sorgte sie sich nicht. Im Sommer trugen wir eine kurze, im Winter eine lange Lederhose. Das war’s.
Später in der Schule konnte man mit Hilfe eines kleinen Handspiegels die Strahlen des Sonnenlichtes in den düsteren Klassenraum leiten und die Lehrerin ärgern. Das machte Spaß, war aber riskant. Den Spiegeltrick kannten wir aus Karl May. Die bösen Indianer gaben sich mit kleinen Handspiegeln Signale, bevor sie die guten Apachen überfielen. In Erinnerung geblieben ist auch der dreiteilige Frisierspiegel der Mutter. Wenn man sich davor setzte und die beiden Seitenspiegel im richtigen Winkel einstellte, tauchte plötzlich das eigene Bild in unendlicher Verdoppelung auf. Auch Grimassenschneiden vor dem Spiegel machte Spaß. Aber die Alten warnten: Schneide keine Gesichter vor dem Spiegel, sonst bleiben sie! Auch durfte man den Spiegel nicht mit dem Glas nach oben liegen lassen, denn das brachte Unglück. Wenn jemand gestorben war, wussten die Alten, musste der Spiegel verhängt werden. Denn die Seele des Verstorbenen würde das Zimmer nicht verlassen, wenn sie ihr Spiegelbild sieht.
Dann begann die Zeit des Erwachens: Wie sieht meine wahre Gestalt aus? Wer bin ich wirklich? Vielleicht laufe ich mit einem Zerrbild meiner selbst herum? Diese Fragen überfielen mich eines Morgens vor dem Badezimmerspiegel. Ich betrachtete mein Spiegelbild und erschrak. Nicht über meine äußere Erscheinung. Das Erschrecken war anderer Art. Ich erschauerte vor der Erkenntnis, dass ich bin. Ich könnte ja auch nicht da sein. Aber ich bin. Ich lebe. Ich bin ich. Da wurde der Spiegel unheimlich. Und ich begann, über die geheimnisvolle Beziehung zwischen Spiegel und meinem Leben nachzudenken. Wenn es keine Spiegel gäbe, wüsste ich dann überhaupt, dass ich lebe? Unheimlich wurde es auch, als wir im Physikunterricht erfuhren, dass wir niemals unser wahres Angesicht im Spiegel sehen. Im Spiegel erscheinen wir spiegelverkehrt. Wir gehen mit einem falschen Selbstbild durchs Leben.
Tür: Pforte des Himmels
Die Türen im Elternhaus bildeten zuerst ein unüberwindliches Hindernis. Ich hatte gerade das Laufen gelernt, reichte aber noch nicht an die Klingen heran. Wie stolz war ich daher, als ich eine Tür zum ersten Mal ohne Hilfe der Eltern öffnen konnte! Der erste eigene Hausschlüssel, später der Schlüssel zum Ford Taunus 17 M des Vaters markieren weitere Schritte auf dem Weg ins Erwachsenwerden. Auch in den Märchen der Kindheit markierten Türen den Übergang zu neuen Lebensphasen. Hinter der Haustür lauerte der Wolf oder die alte Hexe. Aber auch neue Abenteuer lockten. Manche Türen waren verschlossen und von Löwen bewacht, andere verbargen eine schreckliche Wahrheit.
Als ich älter wurde, begannen mich Türen anderer Art zu interessieren. Türen zum Herzen, Pforten zum Reich des Traumes, Türen zum Unbewussten. Ich war fünfzehn Jahre alt und überzeugt, in der Schule nichts Wichtiges mehr lernen zu können. Unter der Schulbank las ich die Werke von Bakunin, Kropotkin, A.S. Neill, John Holt und Paul Goodman. Was sich vorne an der Tafel abspielte, erreichte mich nicht. In der Schule arbeiteten Pauker. Ich aber sehnte mich nach einem spirituellen Lehrer: Ein Mensch, der mit allen Adern des Daseins lebte, jemand, der Erfahrungen mit der anderen Seite der Wirklichkeit gemacht hatte. Eine Ariadne, die den Weg kannte und die Pforten der Wahrnehmung öffnen konnte. Eine kundige Führerin durch das Labyrinth des Lebens, die das Staunen nicht verlernt hatte. Jemand, der den Schlüssel zu jenem mystischen Königreich besaß, von dem Jim Morrison in seinem Gedicht „Ein amerikanisches Gebet“ (1970) gesprochen hatte:
„weißt du, dass wir existieren?
hast du die schlüssel vergessen
zu dem königreich
bist du dennoch geboren
& lebst du?“
So flog ich auf der Suche nach spiritueller Nahrung wie eine Biene von Blüte zu Blüte: Zeugen Jehovas und Rosenkreuzer, anarchistische Pädagogik und Judo, der Schatten junger Mädchenblüte und die Musik von Leonhard Cohen, Ton, Steine, Scherben, Janis Joplin und vor allen Dingen ein Wort der Doors:
„There are things known
and there are things unknown,
and in between are the Doors.“
Da ging mir ein Licht auf: In der spirituellen Welt markieren Türen einen Ort des Übergangs zwischen der bekannten und der unbekannten Welt, zwischen Unfreiheit und Freiheit, zwischen profan und sakral, zwischen bekannt und unbekannt, zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Finsternis und Licht, zwischen Tod und Leben. Von diesen innersten Bezirken war bereits in den Liedern der Kindheit die Rede. Jetzt im Rückblick erschließt sich ihr Sinn: Da waren die Türen des Adventskalenders. 24 an der Zahl. Hinter jeder Tür lag ein kleines Schokoladentier verborgen. Am Heiligen Abend gab es zwei. Die Schokolade schmeckte billig. Ich hätte sie nicht gebraucht, um mit besonderem Verlangen die Türen zu öffnen. Mich faszinierte der Durchblick, den die geöffneten Türen freigaben. Wenn man den Kalender vor eine Kerze stellte, dann leuchtete ihr warmer Schein durch die geöffneten Fenster. Das war einfach schön und irgendwie geheimnisvoll. Es gab eine Ahnung von einer Welt hinter der sichtbaren Welt, einer Welt voller Licht, die sich von Tag zu Tag mehr offenbarte. Diese Welt lag tief verborgen im Herzen. Von ihr sangen wir, ohne es zu wissen, im Adventslied: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ und auch am Heiligen Abend, wenn es hieß:
„Heut schließt er wieder auf die Tür
zum schönen Paradeis,
der Cherub steht nicht mehr dafür,
Gott sei Lob, Ehr und Preis.“
Wasser: Durst nach ewigem Leben
Als Kinder hatten wir ständig Durst. Die Tatta aber sagte, wer viel Wasser trinke, der bekomme Läuse im Bauch. Wir glaubten ihr, ohne eine Begründung zu verlangen. Wahrscheinlich hätte sie diese auch nicht geben können. So war es nun einmal. Getränkeshops, Mineralwasser- und Colakisten gab es noch nicht, Apfelsaft wurde nicht im Tetrapakt gekauft, sondern aus Klaräpfeln im Juli frisch gepresst, und die Milch wurde bei Gottemeyer in die Milchkanne gefüllt. Wenn wir Durst hatten, ließ Tatta das Wasser aus der Leitung in ein Glas laufen, vermischte es mit süßem Himbeersirup – in späteren Jahren mit Tritop – und gab es uns zu trinken. Der Sirup kostete 80 Pfennig und hielt einen Monat. Vor allen Dingen aber schützte er uns vor Läusen im Bauch. Über den Bachlauf dagegen beugten wir uns ohne jede Sorge um unsere Gesundheit und tranken das kühle Nass mit Wonne.
Wir Kinder erlebten die geheimnisvolle Macht des Wassers auf Borkum. Hier verbrachten wir die großen Ferien. Jeden Sommer, wenn wir wiederkamen, hatte sich der Strand verändert. Wasser ist in ständiger Bewegung, und die größten Ströme der Erde sind nicht Ob, Lena, Mississipi oder Nil, sondern jene Strömungen in den Ozeanen, die unablässig das Bild der Erde formen, sagte der Vater. Auch auf Borkum veränderte die Strömung jedes Jahr den Strand. Sie trug große Sandstreifen ab oder schuf auch neue Sandbänke. Am Wasser erlebten wir eine Welt der ständigen Verwandlung. Nach jedem Gezeitenwechsel gingen wir in der Brandungszone auf Entdeckungsreise: Wir fanden Muscheln und Seetang, zuweilen alte Bojen und Netze, leere Glasflaschen und Kanister. Wie groß, wie gewaltig die Transportwege des Wassers sind, erkannte ich aber erst, als ich im Sommer 1995 die russische Arktis bereiste. Kein Baum, kein Strauch wächst hier, und dennoch türmten sich am Strand von Nowaja Semlja gewaltige Baumstämme übereinander. Sie hatten eine Reise von vielen tausend Kilometern über die sibirischen Flüsse hinter sich.
Von der Gefahr der Strömung wussten bereits wir Kinder. Niemals dürfe man weiter in die Brandungszone hineingehen, als bis zur Brusthöhe, hatte uns der Vater eingeschärft. Sonst würde man von der Strömung erfasst und auf das offene Meer hinausgezogen. Einige allzu Wagemutige überschritten diese Grenze und mussten von der Rettungswacht oder der DLRG wieder an Land gebracht werden. Für meinen ersten Kunstlehrer am Schlaungymnasium, Herrn Greshake, kam jedoch jede Hilfe zu spät. Er hatte mit seiner Familie Badeurlaub gemacht und war vor Bornholm in eine Strömung geraten. Jede Hilfe kam zu spät.
Wenn wir Kinder der Mutter beim Kochen zuschauten, dann konnten wir die Verwandlung des Wassers in weißen Dampf über den Töpfen beobachten. Bei einer Erkältung schüttete die Mutter heißes Wasser in ein Kamillenbad, und wir atmeten mit einem Handtuch über dem Kopf die heilsamen Dämpfe tief ein. Noch faszinierender aber waren die vielfältigen Muster der Eisblumen, die wir nach den Frostnächten morgens an den Fensterscheiben fanden. Später verschwanden sie mit der Einführung von doppelglasigen Fenstern. Ich hatte die Eismuster beinahe schon vergessen, da traten sie wieder in mein Leben. Ende des letzten Jahrhunderts bewohnten wir ein 200 Jahre altes niedersächsisches Fachwerkbauernhaus. Hinten im Garten lag ein begehbares Kaninchenhaus, in dem Mari, Lilli, Babsi und die anderen Tiere zwischen der Strohaufschüttung auch im Winter sicher lebten. An einer Seite des Stalles befand sich ein Fenster mit Einfachverglasung. Eines Morgens kam Hannah aus dem Kaninchenhaus in mein Zimmer und teilte mir ihre Entdeckung mit: Auf dem Glas hatten sich die wunderbaren Muster der Eisblumen gebildet.
Weg: Du gehst nicht allein
Einen evangelischen Kindergarten gab es nicht. So besuchte ich mit meinem Freund Rüdiger den katholischen Kindergarten Sankt Ida. Unsere Gruppenleiterin hieß Anneliese Winkenhoff. Doch wir hatten sie mit „Tante Anneliese“ anzureden. Bevor sie uns um 12.00 Uhr nach Hause entließ, sprach sie mit uns Kindern ein Gebet:
„Lieber Gott, einen Engel sende,
der mit uns nach Hause geht.
Bei jedem Schritt, bei jedem Tritt,
geh du, mein guter Engel, mit.“
Die Botschaft des kleines Gebetes war klar: Du gehst auf deinem Weg nicht allein. Das prägte sich ein – auch für die Wege, die noch kommen sollten. Sie waren länger als der Weg vom Kindergarten zum Elternhaus und manchmal auch recht verworren.






