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Mein Labyrinth:

Ein praktischer Versuch und sein Ergebnis

 

Erste Erfahrungen

 

Hinter dem Elternhaus lag der Bahndamm. Im Juli wuchsen hier gelbblühende Königskerzen der Sonne entgegen. Der Boden aber, in dem sie wurzelten, war von zahllosen Gängen unterminiert. Wir kannten den verborgenen Eingang in jene unterirdische Welt der Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Er lag unter einer Betonplatte. Wie man sich in einem Irrgarten bewegt, hatten wir in Gustav Schwabs „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ gelernt. Mit pochendem Herzen befestigten wir am Eingang zur Bunkerwelt einen Bindfaden und rollten ihn beim Gang in die Unterwelt solange ab, bis uns der Mut verließ.

 

Die Labyrinthe und Irrgärten meiner Kindheit waren der Wald, der Bahndamm, die Straße und jene runden Geduldspiele, die man in eine Handfläche legen konnte. Wir bekamen sie vom Apotheker geschenkt, wenn wir für die Großmutter die monatliche Bestellung abholten. Unter dem durchsichtigen Plastikdeckel befand sich ein Gewirr von Gängen, durch das eine Kugel oder eine kleine Maus zur Mitte geführt werden musste. Dieses Spiel kannte nur einen Gegner: die eigene Ungeduld.

 

Die Kurische Nehrung

 

Die Eltern liebten das Meer und die Kiefernwälder, die Heidelandschaften und lange Gänge am Strand. Im Spätsommer wurden Pilze gesammelt und Beeren gepflückt. Die Mutter hatte die Sommer ihrer Kindheit auf der Kurischen Nehrung verbracht. In ihren Erzählungen glühten jene fernen glückseligen Tage nach. Sie hinterließen in mir eine unauslöschliche Gedächtnisspur. Vertraut war auch der Anblick des Elches. Er schmückte als Foto an der Wand oder von Onkel Georg aus Holz geschnitzt das Elternhaus am Erbdrostenweg. Die Mutter wusste viel von den ostpreußischen Elchen zu erzählen, vor allen Dingen von jenem zahmen Elch, der in der Abend- und Morgendämmerung aus dem Kiefernwald trat und in den Garten der Urgroßmutter in Schwarzort kam, um die Äpfel vom Baum zu essen.

 

Die Sehnsucht nach dem Nordland lag in meiner Seele. Sie wurde durch die Erzählungen der Mutter genährt. Ihre Vorfahren waren Fischer auf der Kurischen Nehrung. Hier in Schwarzort steht noch das Haus der Urgroßmutter. Von ihm aus geht der Blick über das Haff. Auf der anderen Seite der Nehrung liegt das baltische Meer. Es verbindet die verlorene Heimat der Mutter mit dem Nordland.

 

 

Nordische Fahrten

 

Mit vierzehn Jahren betrat ich zum ersten Mal schwedischen Boden. Wir unternahmen von Frederikshaven eine Seereise nach Göteborg. Vater und Mutter liebten die Reise mit dem Schiff.

 

Ein letztes Mal reiste ich mit den Eltern im Sommer des Jahres 1972 nach Lönstrup. Die Zeit für erste eigene Fahrten war gekommen. Nach einer Woche gemeinsamen Urlaubes fuhr ich mit der Bahn nach Kopenhagen, wo ich Michael Wenkert und Peter Niehoff traf. Mit ihnen unternahm ich meine erste Schwedenreise. Im folgenden Jahr kaufte ich mir einen Rucksack und einen Schlafsack. Die Reise ging über Värnamo, Alvesta, Tranås, Stockholm in die hohen Breitengrade - Lappland, Kiruna, Abisko, Narvik. Es war der Sommer des Jahres 1973. Ich wurde achtzehn Jahre alt.

 

1974 besaß ich den Führerschein. Ich kaufte mir für 2000 DM den alten VW 1300 unserer Nachbarin Helga Fahlberg. Mit ihm unternahm ich eine Nordlandfahrt, die bis nach Kirkenes führte. Im Sommer 1975 fuhren mein Urfreund Rüdiger Bärtl und ich mit seinem orange-weißen Bulli nach Schweden. Schon als Kind war Rüdiger mit seinen Eltern jeden Sommer ins Nordland aufgebrochen. Auf dem Campingplatz Toftaholm bei Värnamo verbrachten sie regelmäßig den Sommerurlaub. Dann wurde Boot gefahren und geangelt.

 

Später folgten weitere Nordlandfahrten. Im Juli 1995 mit Ulrich Schacht und Heimo Schwilk nach Sibirien und auf die arktische Inselwelt, Ende August 2003 mit Eckhard Lieb nach Island.

 

 

Von der Nehrung nach Schweden

 

Die schwedische Landschaft erinnerte mich an das Mutterland der Kurischen Nehrung. Im Herbst des Jahres 2002 wurde das Bedürfnis, die Heimat zu sehen, so stark, dass ich auf die Kurische Nehrung fuhr. Mein Bruder Karsten hatte schon lange den Wunsch geäußert, das Haus der Großmutter in Schwarzort wieder zu erwerben. Ich informierte mich über Häuser und Grundstücke. Entschied mich dann aber gegen den Erwerb eines Ferienhauses in der alten Heimat. Ich hatte das ungute Gefühl, dass auf dieser Halbinsel im Baltischen Meer die Schatten der russischen Schreckensherrschaft noch spürbar waren. Doch der Wunsch, ein Ferienhaus zu erwerben, war geboren.

 

Alles Weitere ging sehr schnell. Im Dezember 2002 verbrachte ich einen Abend mit Martina Prante und Dierk Rohwedder. Dierk erzählte von Internetadressen und Plänen eine alte Immobilie an der Küste des Baltischen Meeres zu erwerben und diese mit mir zusammen zu renovieren. So kam ich auf die Idee, im Internet nach Häusern zu recherchieren.

 

Bei Michael Vahl und seiner Homepage www.schweden-immobilien-online.de entdeckte ich Ende Dezember 2002 ein Haus. Das Grundstück besitzt eine Fläche von 23500 Quadratmetern. Ein kleiner Wald gehört dazu. Vom Haus führt ein Weg zum See.

 

 

Mein Labyrinth

 

Die Grenze des Grundstückes wird durch eine Mauer aus Feldsteinen gebildet. Diese Steine lagen einst im Erdboden. Als die Vorbesitzer das Land bearbeiteten, um Korn aussäen zu können oder Kartoffeln anzupflanzen, mussten sie tausende von kleinen und großen Steinen ausgraben. Sie schichteten sie recht kunstvoll zu Mauern auf. Ich hatte viel über Labyrinthe gelesen und geschrieben, aber noch nie ein eigenes Labyrinth gebaut. Das große Grundstück mit seinen vielen Steinen bot mir die Möglichkeit.

 

Im Sommer des Jahres 2004 machte ich mir einen Plan. Auf einem Stück Papier zog ich die Linien für ein kretisches Labyrinth mit sieben Umgängen. Eine Labyrinthzeichnung geht immer von der Mitte aus. Zuerst malte ich ein gleichschenkliges Kreuz. In die vier quadratischen Felder setzte ich jeweils einen Winkel von 90 Grad und einen Punkt. Dann zog ich die Verbindungslinien. Nach diesem Plan wollte ich nun mit Jaakob ein Labyrinth aus Feldsteinen errichten.

 

Zuerst einmal schritten wir mit Toddy über das Gelände und suchten nach einem geeigneten Platz. Vor dem Haus lag eine große freie Rasenfläche. Hier hätten wir gut ein Labyrinth legen können. Doch würde der Rasen schnell das Labyrinth überwuchern. Um dies zu verhindern, hätten wir den Weg zur Mitte mit Kieselsteinen auffüllen können. Aber diese Idee gefiel uns nicht. Denn sie passt nicht zu einem typisch schwedischen Labyrinth. So suchten wir weiter nach einem geeigneten Bauplatz. Nach langer Zeit fanden wir ihn auf einer Lichtung im Wald. Sie hatte einen Durchmesser von zehn Metern und eine leichte Schräglage, so dass das Labyrinth gut zu sehen sein wäre. Wir räumten Äste, Stöcke und altes Laub zur Seite und schleppten mit Hilfe einer Schubkarre die ersten Steine heran.

 

 

Warum unser Labyrinth nur sechs Umgänge hat

 

Zuerst versuchte ich - wie ich es auf dem Papier immer wieder geübt hatte – das Grundmuster des Labyrinthes zu legen. Doch immer wieder machte ich einen Fehler. Statt eines einzigen verschlungenen Pfades zur Mitte entstand eine Sackgasse. Ein Irrgarten lässt sich offenbar leichter bauen als ein Labyrinth! Schließlich kam Jaakob auf eine Idee, wie wir unser Labyrinth errichten könnten. Wir bestimmten noch einmal die Mitte und schlugen hier einen Pfahl in den Boden. An ihm befestigten wir einen Faden. Ans Ende des Fadens banden wir ein Stöckchen. Dann zogen wir mit dem Faden einen ersten Kreis. Die Linie markierten wir mit Hilfe des Stöckchens in den Boden. Der Durchmesser des Kreises betrug zehn Meter.

 

Als wir den Abstand der einzelnen Kreise berechneten, stellten wir fest, dass wir kein Labyrinth mit sieben Umgängen auf der Lichtung errichten können, weil sonst der Weg zur Mitte zu schmal werden würde. So entschied sich Jaakob für ein Labyrinth mit sechs Gängen. Wir zogen sieben Kreise und legten anschließend auf sie hunderte von Steinen. Dann verlegte Jaakob einzelne Steine, so dass sie eine einzige Verbindungslinie, den Ariadnefaden, bildeten. In die Mitte unseres Labyrinthes pflanzte ich eine junge Birke. Sie symbolisiert den Baum des Lebens. Das war eine mühsame Arbeit von drei Tagen. Wir hatten anschließend Muskelkater. Nur Toddy nicht. Der döste fast die ganze Zeit unter einem Baum.

 

 

Rückblick

 

Jetzt weiß ich, wie man sich fühlt, wenn man ein Labyrinth gebaut hat. Jeden Morgen schritt ich den Weg zur Mitte ab. Oft hatte ich dabei meinen alten Bademantel an. Im Herbst bedeckte Laub die alten Feldsteine und den Weg. Im Januar lief ich durch schneebedeckte Pfade zur Mitte.

 

Ich weiß, an welcher Stelle des Waldes es verborgen liegt. Vielleicht entdecken es einmal Wanderer. Vielleicht gehen einmal die Nachbarn durch die verschlungenen Gänge. Vielleicht die deutschen Freunde. Vielleicht spielen die Kinder in ihm. Vielleicht wundern sie sich über seine Gestalt. Denn es ist wahrscheinlich das einzige Labyrinth mit sechs Gängen in Schweden. Vielleicht werden auch zukünftige Forscher rätseln, warum es nur sechs und nicht sieben Gänge hat. Und niemand wird auf die Idee kommen, dass Jaakob und ich einfach einen falschen Platz für ein Sieben-Gänge-Labyrinth ausgesucht hatten!

 

Ich sehe das Labyrinth mit geschlossenen Augen. Ich sehe, wie es seine Gestalt im Laufe des Jahres ändert. Im Mai blühen Buschwindröschen auf dem Weg zur Mitte. Im Sommer spielen Mücken im Sonnenlicht, das durch die Zweige der Birken, Espen und Tannen bricht. Im Herbst fegt der Wind bunte Blätter über die Steine. Später bekommen sie eine glitzernde Haube aus Eiskristallen. Und zu Weihnachten ruht das Labyrinth unter dem Schnee. Vor allen Dingen aber ruht es in meinem Herzen und strahlt Frieden aus.

 

In Gedanken gehe ich den Weg zur Mitte ab. Ich sehe es mit geschlossenen Augen. Und ich erinnere mich an die Sommer auf der Kurischen Nehrung, von denen die Mutter zu erzählen nicht müde wurde. Man sagt, der Labyrinthweg sei ein Todesweg. Das Alte sterbe. Doch wird in der Mitte nicht auch Neues geboren? Will die sichtbare Welt nicht verwandelt werden und unsichtbar in uns erstehen?

 

Die Vergangenheit ist aufgehoben in uns. Das Labyrinth steht auf einer kleinen Lichtung. Durch Espen und Tannen spielt das Licht jeden Morgen neu.

 

 

 

2. Eine Meditation

 

 

Lebenswege

In jedem Lebenslauf gibt es einen verborgenen roten Faden.

Der Plan enthüllt sich schrittweise.

Jeder Lebensweg hat Hindernisse und Wendepunkte.

Wir können auf dem Lebensweg nicht verlorengehen.

Der Weg gehört zum Ziel.

Mal sind wir der Mitte ganz nahe,

dann entfernen wir uns wieder von ihr,

doch am Ende erreicht jeder Mensch das Ziel.

Du gehst nicht allein.

Jeder Mensch befindet sich an

einer anderen Stelle auf dem Lebensweg:

Einer steht am Anfang,

ein anderer in der Mitte,

ein dritter befindet sich auf dem Rückweg.

Das Schritttempo der Menschen ist unterschiedlich.

Jeder folgt seinem eigenen Lebensrhythmus.

Jeder hat seine eigenen Fragen und Probleme auf dem Weg.

Manchmal dauert der Weg länger als geplant.

Jeder Wendepunkt schenkt einen Perspektivenwechsel.

 

Umwege führen zum Ziel.

Wir wissen nicht, wann wir das Ziel erreichen werden.

Oft kommen wir plötzlich und unerwartet ans Ziel.

Das Ziel kann hinter jeder Wegbiegung liegen.

Nutze den Tag und die Stunde!

Vor dir war bereits jemand in der Mitte.

Du kannst in der Mitte nicht auf Dauer bleiben.

Wo der Weg anfing, da endet er auch.

Der Anfang ist das Ende, das Ende der Anfang.

Eins ist das All.

 

 

Wendepunkte

Die Erfahrung der Grenze

Heilung von körperlichen oder seelischen Leiden

Annahme des Unheilbaren in Seele und Körper

Eine Entscheidungshilfe suchen für den nächsten Lebensschritt

Die Sehnsucht nach genauer Kenntnis der eigenen Seele

Die Suche nach Selbsterkenntnis und Annahme des Schattens

Entdeckung verborgener Talente

Freisetzung von Kreativität

Schöpferische Entfaltung

Entdeckung des „roten Fadens“ im eigenen Leben

Die Antwort auf die Frage:

Wozu bin ich auf der Welt?

 

 

Der Dreifache Weg im Labyrinth:

Hinweg - Mitte - Rückweg

Anfänger - Fortgeschrittener - Vollendeter

Meditation - Anbetung - Kontemplation

Selbsterkenntnis - Gotteserkenntnis - Liebe

Reinigung - Erleuchtung - Vollendung

Gottessucher - Gottesschau - Gottesträger

Christus - Gott - Heiliger Geist

Erlösung - Neugeburt - Vollendung

Seele - Geist - Körper

 

 

Mitteilen heißt teilen.

Wer sich mitteilt, steht zu seiner inneren Biografie.

Wer sich mitteilt, gibt Erfahrungen frei.

Wer sich mitteilt, löst sich aus der Schattenwelt.

Wer sich mitteilt, geht den Weg der Erlösung.

Wer sich mitteilt, verwandelt die Welt.

Mitteilen heißt die Weisheit aus der Mitte teilen.

 

 

 

 

 

Bücher zum Thema:

 

Uwe Wolff. Die Reise ins Labyrinth. Unterwegs zur eigenen Mitte. 2001.

Uwe Wolff. Labyrint. Cesta k vlastnímu strchedu. 2003

Uwe Wolff/Jürgen Hohmuth. Labyrinthe. Pilgerwege der Seele. 2004.

Uwe Wolff/Jürgen Hohmuth. Alles über Labyrinthe und Irrgärten. Unterwegs mit Zeppelin und Kamera. 2006.