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Muscheln:

In jedem Menschen liegt eine Perle verborgen

 

 

 

Die Geheimnisse der Lebenspfade

darf und kann man nicht offenbaren...“

 

Goethe

 

Wieviel Zeit muss vergehen, bis das Kind den Vater versteht? Der Vater war geheimnisvoll wie die Muscheln, die er sammelte. In Dangast am Jadebusen war er mit uns Kindern auf einen hohen Muschelberg geklettert. Sie lagen hier aufgeschüttet, um zu feinem Kalk zermahlen zu werden. Der Vater sammelte nicht systematisch. Was Muscheln betrifft, war er ein Glückskind. Ihm stach sofort ins Auge, wonach andere ein Leben lang suchten. So entdeckte er unter den Millionen Exemplaren des Muschelberges eine Herzmuschel (Plagiocardum Setosum) von ungewöhnlicher Größe. Als er in Kalifornien am Strand spazieren ging, fand er sogleich zwei wunderbare Abalones. Im Keller hatte sich der Vater eine kleine Wunderkammer eingerichtet. Dort lagen die Muscheln auf Holzregalen. In den Schubladen befand sich die Sammlung mit Sanden von den entferntesten Küsten der Welt.

 

Der Vater übte den Beruf des Fernmeldetechnikers aus. Doch über die Arbeit sprach er nicht. Einmal besuchte ich ihn an der Arbeitsstätte. In meiner Erinnerung gehe ich durch einen Bunker mit langen Gängen, die bis unter die Decke mit Kabeln, Steckern und Apparaten vollgestopft waren. Wahrscheinlich hätte heute die ganze Anlage auf einem winzigen Mikrochip Platz. Zwischen den Kabeln und Leitungen stand ein Feldbett. Hier schlief der Vater, wenn er Nachtdienst hatte. War er in den Nächten einsam? Träumte er von einem anderen Leben? Was er dachte, was er fühlte, blieb sein Geheimnis.

 

 

Borkum

 

Hier verbrachten meine Geschwister Volker, Karsten, Svenja und ich regelmäßig die Sommerferien. Wir wohnten in der Pension Stomberg am Alten Damenpfad oder im Haus Rote Erde direkt gegenüber dem neuen Leuchtturm. Anfang der Sechziger Jahre fuhren wir von Emden Außenhafen zum ersten Mal durch das Wattenmeer in Richtung Borkum. Unterwegs entdeckte meine Mutter, dass wir auf demselben Dampfer fuhren, mit dem sie als Kind jeden Sommer von Cranz nach Schwarzort gereist war. Manchmal besteht das Leben aus geheimnisvollen Vernetzungen. Wenn wir darüber nachdenken, wird es uns unheimlich. Wir spüren das Webmuster des Lebens. Licht und Schatten gehören dazu. Die Mutter wusste aus eigener Erfahrung von beidem viel zu erzählen. Da waren die lichten Jahre der Kindheit am Meer und die dunklen Jahre der Flucht aus Königsberg.

 

Alle Kinder sind Muschelsammler. Niemand musste mich und meine drei Geschwister dazu auffordern, am Strand Muscheln zu sammeln. Die Freude an Farben und Formen ist uns angeboren. So verbrachten wir Tage auf Borkum im Müßiggang, ordneten unsere kleine Sammlung, gestalteten Bilder aus Muscheln oder verzierten unsere Sandburg mit Muschelschmuck. Die schönsten Muscheln trugen wir am Abend in die Pension. Im Waschbecken wurden sie vom Sand befreit. Dann trockneten sie auf dem Fensterbrett. Am Ende der Ferien wurden noch einmal die schönsten Muscheln ausgesucht, in den Koffer gepackt und mit nach Hause genommen. Die Namen unserer Muscheln kannten wir nicht. Aber wir spürten doch unbewusst die Kraft der inneren Sammlung, die von ihnen ausging.

 

Einmal bekamen wir Kinder Wundermuscheln geschenkt. So nannten wir jene Muscheln, die zwischen den Schalen ein Geheimnis bargen. Die Wundermuscheln waren etwa vier Zentimeter groß, von glatter leuchtender Oberfläche, meist hellrötlichbraun oder cremefarben. Ihre Schalen waren mit einem Papierstreifen umschlossen. Wir wussten, dass jede Muschel ein Geheimnis barg. Wir warfen unsere Muscheln in ein Glas mit Wasser und warteten. Nach einer Weile war der Papierstreifen durchgeweicht. Die Muschel öffnete ihre Schalen, und aus ihrer Mitte entfaltete sich eine farbenprächtige Blume, wuchs und wuchs und füllte bald das Glas aus. Wir staunten über diesen kleinen Schatz und entlockten den anderen Wundermuscheln ihre Geheimnisse.

Jeder Mensch hat in sich einen Schatz von Bildern, Klängen, Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen. Diese Schätze sind in uns verborgen wie die bunte Blume zwischen den geschlossenen Schalen der Wundermuschel. Sie gehören zu unserem inneren Reichtum.

 

 

Den Schmerz in eine Perle verwandeln

 

Die Betrachtung der Perle weckt in uns das Gefühl der Vollkommenheit. Staunen, Bewunderung, Ehrfurcht erfüllen die Seele. Auch das Gedicht, ein Ballett, ein Kunstwerk oder der Gang durch eine gothische Kathedrale können uns erheben. Das Vollkommene atmet Leichtigkeit. Wer denkt beim Anblick der Perle an das Sandkorn, das sie umschließt? Keine Spur verrät ein Gedicht von der mühsamen Suche nach dem treffenden Wort. Leicht wie ein Vogel schwebt die Tänzerin über die Bühne. Ihre Bewegungen erinnern nicht an den langen Weg der täglichen Übung. Das vollendete Gemälde lässt die zahlreichen Entwürfe vergessen. Der himmelstrebende Bau der Kathedrale wirkt wie aus einem Guss. Wer dächte bei seinem erhabenen Anblick an das mühsame Behauen der Steine und den Sand, der zwischen den Fugen als Mörtel gerann? Mühsal, Schmerz, Entbehrung und Erdenschwere sind verwandelt in Schönheit.

Staunend stehe ich vor dem Geheimnis der Muschel. Auch die Perle ist verwandelter Schmerz. Die Biologie lehrt über die Entstehung der Perle folgendes: Zwischen die Schalen der Muschel ist ein Fremdkörper eingedrungen. Ein Sandkorn zum Beispiel. Das Muschelfleisch ist weich und empfindsam wie unsere Haut, die leicht von einem Dorn oder einem Holzsplitter verletzt werden kann. Uns schmerzt der Fremdkörper. Bald rötet sich die Wunde. Sie pulsiert und wird eitern, wenn es uns nicht gelingt, den Splitter mit einer Nadel aus dem Fleisch zu ziehen. Die Muschel kann das Sandkorn nicht ausspeien. Mit den Zellen der Manteloberfläche, aus denen die Muschel ihre Schalen bildet, umschließt sie den Fremdkörper und bildet so die Perle. Sie ist wie die Muschelschale aufgebaut, nur in umgekehrter Richtung. Die glänzende Perlmuttschicht auf der Innenseite der Muschel ist auf der Perle zur Außenseite geworden. Auf der spirituellen Ebene erzählt die Entstehung der Perle von der Kraft der Verwandlung, die in jeder Seele ruht. Die Muschel sagt:

 

Höre ein Geheimnis:

Was dich verletzte,

was dich verwundete,

es hat dich auch befruchtet.

 

Du zweifelst:

Denke an den Freund oder die Freundin,

die Eltern oder die Kinder,

deine Erfahrungen in Schule, Studium oder Beruf,

an alle Wunden,

die dir das Leben schlug

durch eigene oder fremde Schuld:

Ließen sie dich nicht

wachsen,

reifen

und

Perlen bilden?

 

 

Geheimnisse können nicht erklärt oder bewiesen werden. Wir müssen ihrer Wahrheit nachspüren: Ist das Bild für mich stimmig? Kommen meine Erfahrungen zum Ausdruck? Finde ich mich in dem Bild wieder? Geheimnisse offenbaren sich nicht zu jeder Zeit. Ich muss Geduld mit ihnen und mit mir haben. Irgendwann werde auch ich spüren: Auch mein Schmerz wird in eine glänzende Perle verwandelt werden. Die Muschel sagt:

 

Verdränge den Schmerz nicht,

sondern verwandle ihn in die Perle!

Du hast heilende Kräfte in dir!

Vertraue auf die Kraft der Wandlung in deiner Mitte!

Vielleicht hast du sie noch nie gespürt.

Aber sie ruht in dir.

Sie gehört zu deinem inneren Reichtum.

 

 

Perlen sind verwandelter Schmerz. Welch ein Mysterium! Um das Sandkorn in eine Perle zu verwandeln, bedarf es vor allen Dingen der Geduld. Geduldig sein heißt nicht, alles zu dulden und Demütigung hinzunehmen. Im Vertrauen auf die geheimnisvolle Kraft der Verwandlung aber ist die Muschel stark und beharrlich. Sie lässt sich nicht leicht enttäuschen und gibt die Hoffnung niemals auf. Sie wirkt im Stillen, aber mit Entschiedenheit. Die Muschel sagt:

 

Spüre in dir die Kraft der Verwandlung!

Wandle

das Sandkorn der Mühsal

in die Perle der Leichtigkeit,

das Sandkorn des Schmerzes

in die Perle der Freude,

das Sandkorn der Entbehrung

in die Perle der Fülle,

das Sandkorn der Enttäuschung

in die Perle der Zuversicht,

das Sandkorn der Ungeduld

in die Perle der Geduld,

das Sandkorn der Eifersucht

in die Perle der Toleranz,

das Sandkorn der Ungerechtigkeit

in die Perle der Gerechtigkeit.

 

Perlen wachsen nicht in wenigen Tagen, und der Schmerz ist nicht im nächsten Augenblick überwunden. Alles braucht seine Zeit. Schicht um Schicht umhüllt die Muschel das Sandkorn mit Perlmutt. Unendlich langsam wächst die Perle in ihr. Noch lange spürt die Perle das Sandkorn in sich. Doch eines Tages wird der Schmerz eine ferne Gedächtnisspur sein, bis er sich schließlich ganz in der Erinnerung verliert. Dann werden wir eine reine Perle sein. Doch noch ist der Weg weit.

 

 

 

 

Das Lied von der Seele

 

 

 

Und meine Seele spannte

weit ihre Flügel aus...“

 

Joseph von Eichendorff

 

 

 

Im Reich des Lichtes lebte einst ein Königssohn. So beginnt ein altes orientalisches Märchen von der Seele. Der Prinz war noch jung und wohnte am Hof seiner Eltern. Um ihn herum strahlte alles im tausendfachen Glanz der Edelsteine. Er trug ein langes Kleid, das mit vielen Edelsteinen besetzt war. Der Königssohn kannte nichts anderes als seine Heimat im Osten, bis ihm der König eines Tages vom Reich der Finsternis am anderen Ende der Welt erzählte. Dort wohne die alles verschlingende Schlange mit dem Namen Uroborus. Ihren Körper habe sie zu einem Kreis gewunden. In ihrer Mitte liege eine wunderschöne Perle. Die Schlange halte die Perle gefangen. „Du aber mache dich auf“, sagte der Vater, „befreie die Perle, erlöse sie aus der Gefangenschaft, und führe sie zurück in ihre Heimat!“

 

So legte der Sohn sein wunderschönes Gewand ab, damit er nicht sogleich als Bewohner des Lichtreiches erkannt werde, und machte sich auf den Weg in eine ferne, fremde Welt. Zwei Führer begleiteten ihn bis an die Grenze des Reiches der Finsternis. Der Königssohn eilte sofort zu der Höhle, in der die Schlange hauste, und legte sich vor ihrem Eingang auf die Lauer. Hier wollte er warten, bis die Schlange eingeschlafen war, um dann die kostbare Perle aus der Gefangenschaft zu erlösen. Er wartete viele Tage und Monate. Die Bewohner des Landes der Finsternis beobachteten den Fremden genau. Auch er spürte die Fremdheit. Er dachte anders als sie, er fühlte anders. Wurde er gefragt, woher er käme und was er in ihrem Land suchte, erfand der Königssohn Ausreden. Er zog die landesübliche Tracht an, doch die Menschen im Land der Finsternis ließen sich nicht täuschen. Der Fremde blieb ihnen fremd. Doch im Laufe der Zeit passte sich der Königssohn immer mehr ihren Sitten an. Schließlich sah er nicht nur aus wie einer von ihnen, sondern aß auch ihre Nahrung, trank ihre Getränke, dachte wie die Kinder der Finsternis und fühlte wie sie.

 

Bald hatte er seine Eltern vergessen. Die Erinnerung an seine Heimat war wie ausgelöscht. Ja, er hatte sich selbst vergessen. Er wusste nicht mehr, dass er ein Königssohn war. Er war wie alle Bewohner des Reiches der Finsternis und diente ihrem König. Sein Kopf war wie benebelt. Er war wie berauscht. Seine Seele schien zu schlafen. Die innere Stimme war verstummt. Das Ohr des Herzens war taub geworden. Die große Nacht des Vergessens hatte Einzug gehalten. Er vergaß seine Herkunft und seinen Auftrag. Er wusste nicht mehr, wie er ins Land der Finsternis gekommen war. Er vergaß die Perle. Er vergaß sich selbst.

 

Doch eines Tages erwachte er aus dem Schlaf der Selbstvergessenheit. Und plötzlich war die Erinnerung wieder da. Ein Brief des Vaters hatte ihn erreicht. In ihm stand zu lesen: „Friede! Steh auf, werde nüchtern vom Schlaf und höre die Wortes des Briefes. Gedenke, dass du ein Königskind bist. Du bist in Abhängigkeit geraten. Denke an dein goldbesticktes Kleid. Denke an die Perle, derentwegen du ins Reich der Finsternis gesandt worden bist.“

 

Da erinnerte sich der Königssohn an seinen Auftrag und wusste wieder, dass er ein Königskind war. Mit Zaubersprüchen versenkte er den Uroborus in den Schlaf und befreite aus seiner Mitte die schöne Perle. Und es war ihm, als hätte er damit sich selbst befreit. Das schmutzige Kleid zog er aus und ging immer dem Licht nach der Heimat zu. Dort wurde ihm das Strahlenkleid gereicht. Auf ihm leuchteten die Goldfäden, die wertvollen Steine und wunderbare Perlen. Da erwachte die Liebe und erfüllte das Herz. Er nahm das Kleid in Empfang und zog es vollständig über sich.

 

 

Wer war ich?

Wer bin ich geworden?

Wo war ich?

Wohinein bin ich geworfen?

Wohin eile ich?

Wovon bin ich befreit?

Was ist Geburt?

Was Wiedergeburt?

 

 

So lauten die großen Fragen des Lebens. Das orientalische Märchen versucht eine Antwort zu geben. Es erzählt von der Perle und einem Königssohn. Die Perle ist ein Bild für die Seele. Sie lebt in der Fremde und wartet auf ihren Erlöser. Der Königssohn ist ein Bote aus der Heimat. Seine Aufgabe besteht darin, die Seele zu befreien. Doch der Erlöser verliert sich an die Welt. Er vergisst seinen höheren Auftrag und muss selbst erlöst werden.

 

Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Manchmal vergessen wir das Fragen. Dann wird unser Leben gewöhnlich. Wir staunen nicht mehr über den inneren Reichtum, wir verlieren die Achtsamkeit vor dem Geheimnis. Die Schlange umklammert uns. Wer bin ich? Die Antwort lautet dann: Das genetische Produkt meiner Eltern. Wo komme ich her? Aus dem Bauch meiner Mutter. Wo gehe ich hin? Ins Grab. So banal, so verloren an die sichtbare Welt kann das Leben sein. Dann werden die Muschelschalen zu einem Gefängnis der Seele.

 

Wie aber kann sie aus der Umklammerung befreit werden? Die Seele braucht einen Menschen, der zu ihr das erlösende Wort spricht: Erinnere dich, wer du wirklich bist. Finde dich nicht ab, bleibe nicht gewöhnlich. Wach auf aus dem Schlaf der Selbstvergessenheit. Erhebe dich von den Toten. Erinnere dich an das Licht in dir. In jeder Lebensphase haben wir die Chance, den inneren Reichtum unserer Seele neu zu entdecken. Dann strömen uns neue Antworten zu.

 

 

Literatur:

 

Uwe Wolff. Geheimnisvoll wie die Muschel. Staunen über den inneren Reichtum. 2002.