Reise in die russische Arktis (1995)
Das Inselreich von Sewernaja Semlja (Nordland) gehört zu den größten geographischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. Zur Zeit des Kalten Krieges hatte es eine militärische Bedeutung. Von hier über den Nordpol waren die Raketen auf Amerika gerichtet, dessen Währung heute in Russland das Hauptzahlungsmittel bildet. Auf der Nachbarinselgruppe Nowaja Semlja wurden Atomtests durchgeführt, die weite Teile radioaktiv verseuchten.
In St. Petersburg trifft die Expedition, deren Teilnehmer ich bin, auf Juliane. Sie wird uns als Dolmetscherin begleiten. Julischka, wie sie unsere russischen Hubschrauberpiloten zärtlich nennen werden, unterrichtet deutsche Literatur und Sprache an der Universität St. Petersburg. Ein Promotionsstipendium ermöglicht ihr den Aufenthalt in Zürich. Ihr Deutsch ist perfekt, ihre Kompetenz als Simultandolmetscherin beeindruckend. Beschämend dagegen, wie bei allen russischen Intellektuellen, die finanzielle Lage. Mit einem monatlichen Gehalt in Höhe von 200000 Rubeln (62 DM) müssen noch die arbeitslosen Eltern unterstützt werden. Dennoch strahlt Julischka Zuversicht aus und glaubt an Russlands Zukunft.
Wir saßen bereits zwischen Kisten und Koffern, der Pilot hatte die blaue Uniform gegen einen Jogginganzug getauscht, die Propellerturbinen dröhnten, da wurden die Startvorbereitungen abgebrochen. Bewegung in und um das Flugzeug herum. Der Blick durch das Fenster auf die abgefahrenen Reifenprofile. Ein Teil der Funkausrüstung musste repariert werden. Im Falle eines Absturzes würde es möglicherweise Auskunft über die Unfallursache geben. Dann startete die Antonov-26 zum Flug von St. Petersburg nach Sibirien. Die Reisezeit wurde mit acht bis zehn Stunden angegeben. Am Ende waren es zwölf. Beim Flug in den Osten werden die Uhren um sechs Stunden vorgestellt, besser noch, der Reisende legt sie ab. Denn was bedeutet Zeit in diesen gewaltigen Räumen? Alles ist hier maßlos wie die sommerliche Lichtflut und die dunklen Wälder. Zwei Zwischenlandungen sind auf dem Flug nach Dickson nötig, doch selbst der Pilot weiß beim Start nicht, wo sie stattfinden werden. Während des Fluges über menschenleere Landschaften wird er bei verschiedenen Flughäfen den günstigsten Benzinpreis erfragen.
Es war ein gutes Zeichen, dass unsere erste Zwischenlandung am Weißen Meer in der Stadt mit dem schönen Namen Archangelsk stattfand. Wieder in der Luft wird die Überquerung des nördlichen Polarkreises mit zuckersüßem Schaumwein aus rosafarbigen Hartplastikschalen und einem Apfelstückchen gefeiert. Dann schenkte der Koch Wassily aus der Wodkaflasche reichlich nach und servierte Hähnchenfleisch, das Grundnahrungsmittel der zehn arktischen Tage.
Die russische Währung mäandert wie der Petschora, dessen gigantisches Delta wir überfliegen. Deshalb muss die Treibstoffrechnung sogleich beglichen werden. Gut zwanzig Zentimeter hoch ist der Geldstapel, den die Stewardess dem Tankwart bei der zweiten Zwischenlandung in Amderma, an der Jogorschen Strasse, überreicht. In Archangelsk zeigte das Barometer an diesem Julitag noch 22 Grad. Amderma meldet 8 Grad. Wir betreten das Reich des Permafrostes. Im Sommer taut der Boden nur bis zu einer Tiefe von zwanzig Zentimetern auf. Aus Schutz vor der Bodenkälte steht das Flughafengebäude auf Pfeilern. Die Stufen sind vom Frost zersprengt worden, das Rollfeld zeigt tiefe Risse wie die Polsterung der Stühle in der Wartehalle. Martin J. Harris, Direktor des Oxford Scientific Services, hält den abenteuerlichen Zustand der Toiletten mit der Kamera fest. Beweismaterial für Daheimgebliebene, die unterstellten, er habe eine Vergnügungsreise angetreten. Aus unerfindlichen Gründen verweigert der Zielflughafen Dickson die Landeerlaubnis. So verzögert sich der Weiterflug um zwei Stunden. Gelegenheit, zwischen schrottreifen Maschinen und Öllachen spazierenzugehen. Am Flughafengebäude ist eine Parole angebracht: „Lenin lebte, Lenin lebt, Lenin wird immer leben.“ Das Portrait des Revolutionärs ist vom Frost zerfressen. Die Natur ist stärker als die Geschichte. So leuchten am Rand der Flugpiste violettfarben die Amethyste, die man in den nördlichen Ausläufern des Urals abgebaut hat und hier als Schotter benutzt.
Das Militärlager Dickson erreichen wir nach Mitternacht. Die Hafenstadt wurde nach dem schwedischen Unternehmer Oskar Dickson benannt, der die Entdeckungsfahrten des Polarforschers Adolf Erik Nordenskiöld finanziell unterstützte. Der Schwede Nordenskiöld hatte mit seinem Schiff Vega als erster die Nord-Ost-Passage bezwungen und damit Europa und Asien umsegelt (1878-1880). Unter Stalin war Dickson ein Gulag. Während des Kalten Krieges lebten 1500 Soldaten hier, jetzt sind es nur noch zehn. Ein verwitterter Lenin grüsst vom Giebel unserer Unterkunft. Draussen liegen die Temperaturen im Juli um den Gefrierpunkt, im Winter fallen sie auf minus 50 Grad. So sind die Gebäude auch im Sommer geheizt. Unter den Rohren sammeln sich die Kakerlaken. Aus Holzritzen beobachten sie den Gast beim Nachtmahl.
Im Reich der Mitternachtssonne gilt es von romantischen Vorstellungen Abschied zu nehmen. Um zwei Uhr nachts steht die Sonne leuchtend am Himmel und bescheint eine Trümmerwüste: Aufgeplatzte Leitungsrohre, verlassene Häuser, verrostete Kettenfahrzeuge, tonnenweise Schrott, dazwischen alte Hinweisschilder auf radioaktive Strahlung. Auf dem Grund der Karasee liegen nukleare U-Boote. Neue, noch verpackte Gerätschaften verwittern bereits am Strassenrand, eine Lieferung von Heizkörpern liegt vor den Häusern und dient als Fußabtreter. Landschaften wie aus einem Film von Andrej Tarkowskij. Das Bild wiederholt sich in den kommenden Tagen auf Kap Tscheljuskin, Sredny oder Krenkl. Die russischen Militär- und Forschungsstationen in Nordsibirien und auf den Inseln der Arktis bieten ein Bild der Verwahrlosung. Niemand lebt hier oben freiwillig. Keine besondere Prämie lockt die Soldaten. Die Ernährungslage ist schlecht, die Kleidung ungenügend, die Zukunft ungewiss. Stationen wie Uschakova sind aus Geldmangel aufgegeben worden. Wissenschaftler und Soldaten stehen vor dem Nichts.
Nach drei Stunden Schlaf in Dickson wurde unser Gepäck auf offenem Laster zum Flughafen transportiert. Visapapiere und Pässe waren erneut vorzulegen. Mit bedeutsamer Miene wurden sie von einer Frau in blauem Dienstkostüm und gefütterten Lederstiefeln kontrolliert, dann der Wodkaverkauf ohne Zollbeschränkung eröffnet. Bei unserer Rückkehr aus dem arktischen Archipel hatten wir sämtliche Koffer und die Kameraausrüstung ins Gebäude zu tragen. Die angekündigte Zollkontrolle wurde jedoch nicht vorgenommen. Lächelnd über allen Ungereimtheiten stand die Sonne und der weibliche Posten mit dem Maschinengewehr. Auch Alexander, Soldat und Turnlehrer in Dickson, hatte die Kalaschnikov geschultert, als er in gebrochenem Englisch das Gespräch suchte. Das Schild „UV-Strahlung“ klebte noch auf seiner Sonnenbrille. Der Zwanzigjährige besaß ein Diktiergerät und bat uns, einige englische Sätze darauf zu sprechen. Russische Politik interessiere ihn nicht, bekundete er offen. Das bestätigte sich deutlich, als wir uns nach der Bibliothek in Dickson erkundigen. Stalin und Solschenicyn werden in einem Atemzug als politische Autoren genannt. Wir erleben das Ende der roten Arktis.
Am Kap Tscheljuskin war nicht mehr als eine Zwischenlandung geplant. Ein eisiger, nasskalter Wind fuhr durch das nebelverhangene Lager. In gefütterten Gummistiefeln warteten wir im Schlamm, während der Hubschrauber aufgetankt wurde. Auf einem Schild der Hinweis auf das Rauchverbot. Bei Zuwiderhandlung wurden zwei Monate Entzug der Zuckerration angedroht. Aus der Nebelwand taucht ein Polarhund mit einem Knochen in der Schnauze auf. Sofort verbeißen sich sieben Hunde ineinander. Mit groben Fußtritten versucht sie der Tankwart vergeblich auseinanderzutreiben. Durch unsere Übersetzerin werden wir zu größter Vorsicht gemahnt. Fünf Eisbären seien im Gelände gesichtet worden. Da sie unter Naturschutz stehen, dürfen sie nicht geschossen werden. Eisbären kennen keine natürlichen Feinde. Sie gelten als unberechenbar und extrem schnell. „When you have seen them, you are dead!“, sagt Martin Harris. Der Biologe Jacobus de Korte, Vertreter des niederländischen Plantius-Stiftung, hat einen anderen Blick auf die Natur. „Wenn Du einen Eisbären siehst, fängst das Leben erst richtig an!“ Skeptisch werden wir vom wachhabenden Offizier betrachtet. „Warum kommt ihr hierher?“, übersetzt Julischka. Seine durchdringend blickenden Augen fragen direkter: „Seid ihr gekommen, euch an unserem Elend zu weiden?“
Unerwartet bietet sich die Möglichkeit, die Polarstation Fedorov und das Denkmal am Kap zu besuchen. Viktor schultert die Kalaschnikov und beordert einen Lastwagen. Wir legen uns auf die hölzerne Ladefläche und klammern uns während der holprigen Fahrt aneinander, um nicht abgeworfen zu werden. Durch die Risse in den Balken spritzt der Eisschlamm. Am Kap Tscheljuskin sind viele Entdeckungsreisende der Arktis gescheitert oder durch das Eis an der Weiterfahrt gehindert worden. Direkt am Ufer haben Soldaten auf hohen Wachtürmen Position bezogen. Vor ihren Augen gleiten Eisblöcke und Walrücken vorbei. Die breite Urinspur eines Eisbären zieht sich über eine Schneewehe. Grüne Steine mit langer gleichmäßiger Maserung liegen auf dem Boden. Einige Stellen sind mit leeren Patronenhülsen übersät. Zwei mannshohe Steintürme und ein aufgerichteter Baumstamm mit roten Farbstreifen markieren den Ort: 77° 42’ 07’’ nördlicher Breite, 104° 8’ Länge. Musik und Dialogfetzen der Radiostation durchdringen lautstark die Eiswüste. Wir frieren trotz der Spezialkleidung. Viktors Hals und Hände sind ungeschützt. Wärmende Kleidung wird den Soldaten nicht zugeteilt. Vielleicht geht deshalb die Zigarette im Mund niemals aus. Sechzig Kilometer von Kap Tscheljuskin entfernt befand sich ein Lager für politische Gefangene. Eine Ahnung von den Zuständen im GULAG erschüttert uns.
Viktor führt uns an leeren Treibhäusern vorbei. Im kleinen Museum der Station Fedorov erweist er sich als kompetenter Führer. Eine Spende für das Museum lehnt er ab. Das Geld würde zweckentfremdet werden. Offenbar ist er der einzige, der sich der geschichtlichen Bedeutung dieses Ortes bewusst ist. Am Ende unseres Besuches werden wir zum Tee eingeladen. Wir betreten einen Raum, wahrscheinlich das Offizierskasino. In der einen Ecke ist ein Schlagzeug aufgebaut, in der anderen steht ein Farbfernseher, der vom Wirt stolz eingeschaltet wird, als wir Platz nehmen. Wie vielerorts in der Arktis ist auch hier eine Bildtapete mit Bäumen an die Wand geklebt worden. Die Durchreiche gibt einen Blick in die große Küche frei, in der verlassen ein halbleeres Gurkenglas neben drei verrosteten Fleischwölfen steht. Was der Gastgeber zu bieten hat, ist uns großzügig aufgetischt worden: Mehrere Schachteln mit großen Zuckerstücken, geöffnete Dosen mit gezuckerter Milch, ein pechschwarzer, zäher Brotaufstrich, ranzige Butter und ein Karton mit geschmacksneutralen Hartkeksen. Es ist keine freiwillige Askese, die Viktors Gesichtszüge geformt hat. Vorstellungen über seine persönliche Zukunft hat er nicht. Im Abschiedsgespräch äußert er nur den Wunsch, hier oben während seiner Lagerzeit nicht zu verrohen.
Zehn Stunden dauert der Flug mit dem Hubschrauber MI-8 von Dickson über Kap Tscheljuskin ins Nordland. Aus zweihundert Metern Flughöhe gleitet der Blick über endlos scheinende Tundraweiten. Stellenweise ist der oberflächlich aufgetaute Permafrostboden weich wie dichte Moospolster, dann sumpfig. Kilometerweit haben sich die Spuren der Kettenfahrzeuge in den Tundraboden gefressen. Jahrzehntelang werden sie sichtbar sein. Das Leben ist empfindlich, und die kurzen Sommer schenken ihm nur wenig Blütezeit. Fünf Sommer dauert es, bis sich ein knospendes Blümchen entfaltet hat. Niemand kann hier oben allein überleben. Alles Lebendige braucht Schutz. Die rotfarbene Flechte den Stein, das winzige Vergissmeinnicht die Grasnabe, der Eisbär die Schneehöhle, der Mensch den Hund und das Gespräch. Dichtgedrängt hocken die Reisenden zwischen den großen Benzintanks im Innenraum des Helikopters. Der Lärm der Rotorblätter ist ohrenbetäubend, die technische Ausrüstung wirkt überaltert, doch beruhigt der Blick ins Gesicht des Funkers Sergej. Unterwegs hatten wir bei einer Zwischenlandung die Gastfreundschaft des Fischers Jurij Rogatsch und seiner Frau genossen. Vor der Waldtapete in ihrem Schlafzimmer genossen wir das zarte Fleisch der Lachsforellen aus dem Taimyr-Delta. Seit achtzehn Jahren lebt das Einsiedlerpaar hier. Auch die Hunde hatten die Fremden freudig empfangen. Einer humpelte auf drei Pfoten. Einen Arzt für Mensch oder Tier gibt es in diesen hohen Breitengraden nicht.
Die Radio- und Wetterstation Prima trägt ihren Namen zu Recht. Das Musterbeispiel eines ökologisch verantwortlichen Lebensstils im Naturpark Arktis liegt auf Bolschewik, der südlichsten Insel des Nordlandes Sewernaja Semlja. Wie andere Stationen sollte sie wegen fehlender finanzieller Mittel geschlossen werden. Ihr Überleben verdankt sie der Privatinitiative von Vladimir Baranov, dem Gründer der Gesellschaft BARC (Business Arctic), die auch unsere Reise in Zusammenarbeit mit ihrem niederländischen Partner Plantius organisiert. Der Wissenschaftler und einstige Mitarbeiter am St. Petersburger Institut für Arktik und Antarktik spricht auf Nowaja Semjla zu den Dreizehenmöven, in Franz-Josef-Land winkt er einer Walrossherde mit dem Handschuh zu und lockt sie mit dem Ruf „burre, burre“ ans Ufer. In der Maud-Bucht, fünfzehn Meilen östlich von Kap Tscheljuskin, wo Roald Amundson im Winter 1918/19 für ein Jahr unfreiwillig im schweren Packeis festsaß, lässt er seine Begleiter vor den Blümchen niederknien, um ihren intensiven Duft wahrzunehmen.
Vier Russen wohnen das ganze Jahr über auf Prima. Die Station über dem 79. Breitengrad kann nur im Monat August von Eisbrechern aus Murmansk oder Archangelsk versorgt werden. Sewernaja Semljas Inselwelt dehnt sich 360 km von Nord nach Süd und 324 km von West nach Ost aus. Gut die Hälfte der Fläche ist vergletschert. Die höchsten Berge reichen an die eintausend Meter. Wale, Delphine, Walrosse, Rentiere, Eisbären, Schneehasen, Lemminge und Polarfüchse sind hier zu Hause. An den steilen Felswänden der Fjorde brüten Seevögel. Einige Kolonien bestehen aus zehntausend Brutpaaren. Prima beherbergt dagegen in diesem Jahr nur drei Reisegruppen. Das sei zum Überleben zu wenig, erklärt Vladimir Baranov in morgendlicher Runde.
Sewernaja Semlja bietet ein abwechslungsreiches Landschaftspanorama. Sanftwellige eisfreie Hochebenen sind mit grünen Schiefertafeln bedeckt. Weder Grashalme noch Moose wachsen hier. Schwarze Flechten mit grauen Rändern bilden die ersten Spuren des Lebens zwischen den gewaltigen Brocken einer Geröllhalde. Der Frost hat die Steine aufgesprengt und steinerne Blütenornamente gebildet. Im Anorganischen prägen sie die Grundmuster des Lebendigen vor. Orangerot leuchtende Flechten ernähren sich von den Mineralien. Die Reise führt in den Anfang der Schöpfung zurück, als Wasser und Land gerade getrennt worden waren und das Leben zu keimen begann. Für den Menschen ist diese Natur noch nicht bereitet, deshalb ergreift sie zuweilen seine Seele mit Faszination und Schrecken, als habe sie verbotenerweise einen Blick in die Werkstatt des Schöpfers geworfen. Himmel, Erde und Wasser fließen ineinander über. Farben und Formen wechseln in Minutenschnelle. Türkisblau und grauschwarz bricht der Gletscher auf. Jahrtausendelang wurde das Land von seinen Eismassen weichgeknetet. Jetzt haben sie einen fruchtbaren Lehm der Schöpfung freigegeben, einen Erdenkloss, dem zum Lebendigwerden nur noch der Anhauch Gottes fehlt. Keine Kamera kann das Farbenspiel des jungfräulichen Bodens einfangen. In braunroten, ockergelben und lindgrünen Linien stürzen Berge den Canyon hinab. An ihren Rücken sind die Spuren des Walkens und Knetens deutlich sichtbar. Unten in den Schluchten murmelt rostfarbenes Wasser über rosige Gipsplatten. Nur laufend kann sich der Mensch in dieser Landschaft bewegen. Wer stehenbleibt, versinkt bis zu den Knien im Boden. Vor Jahrmillionen war die Arktis eisfrei. Käme heute ein weltweiter Umschwung des Klimas, hier oben wäre der fruchtbare Boden für eine neue Entfaltung des Lebens gegeben.
Auf Nowaja Semlja haben russische Wissenschaftler Atomversuche durchgeführt und große Teile der Insel verstrahlt zurückgelassen. Während wir das Winterlager von Willem Barents an der Nordspitze dieser Nachbarinsel von Sewernaja Semlja besuchen, wird weltweit gegen die geplanten französischen Atomversuche im Pazifik protestiert. Seltsame Gedanken überfallen den Reisenden. Es ist, als werde hier im Nordland bereits eine neue Schöpfung vorbereitet. Die arktische Landschaft ist weder schön, gewaltig noch erhaben, ihre Aura übersteigt alles Begreifen. Sie ist ein heiliger Raum, vor dem der Eindringling zurückschreckt, wie Moses vor der Stimme aus dem Dornbusch. Eine Macht ergreift ihn, die alle Maßstäbe und Sorgen des Menschen relativiert, ja seine Bedeutung in Frage stellt: In dieser Werkstatt des Lebens ist der Mensch ein kleines Gefäß und die Weltgeschichte nur das Muster darauf. Es kommt nicht auf den Menschen an, ja selbst die von ihm geschaffenen Katastrophen und Zerstörungen wirken bedeutungslos vor dem hier wehenden Anhauch der Ewigkeit. „Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst?“ (Psalm 8.5).
Vor dem fünfstündigen Flug von Sewernaja Semlja über das Eismeer nach Franz-Josef-Land werden die vier großen Tanks des Hubschraubers in Sredny aufgefüllt. Die Haut des Tankwartes auf der Militärstation ist vom Frost gezeichnet. Ein erfrorenes Lächeln legt die Zahnhälse und das rotbläuliche Zahnfleisch frei. In Sichtweite von Sredny liegt die Insel Domaschnij. Hier stand in den dreissiger Jahren das Haus des russischen Arktisforschers Uschakov. Bären- und Walrossknochen liegen verstreut; zwischen den letzten Balken des Hauses brüten die Elfenbeinmöwen. Sie gelten als Schutzengel der Arktis und Symbole der Unsterblichkeit. Sergej, der Funker, verweist auf die Schwingen der Elfenbeinmöwe, die er als Tätowierung auf dem Handrücken zwischen Daumen und Zeigefinger trägt. Wenn der Helikopter ins Wasser stürze, sagt er, dann kämen die Möwen und trügen unsere Seelen in den Himmel. Nach zwei Stunden Flug taucht der einsamste Ort der Arktis, die verlassene Station Uschakova, auf. Zwei Holzhäuser inmitten des Eismeeres auf dem Gletscher. Noch verpackte Ziegelsteine sind vor einem Haus gestapelt, ein moosiger Eisbärenschädel liegt zwischen alten Zeitungen und leeren Flaschen. Lebensmittelreste in der Vorratskammer. Wäsche hängt noch an der Leine und ein Feuerlöscher an der Wand. Mit weißem Pinselstrich sind die Umrisse eines nackten weiblichen Körpers an die Eingangstür gemalt. Doch schon beginnt eine dicke Eisschicht den Fußboden der Häuser zu überziehen. Über dem Hauptgebäude sind noch die Funkdrähte gespannt. Doch kein Mensch sendet aus diesem Eiland Botschaften, und auch die breite Antenne empfängt keine Signale mehr. Auf ihren Drähten spielt der Polarwind das Lied vom ewigen Schlaf und der dunklen Nacht.
Vorbei an der Graham-Bell-Insel, Wilczek-Land und der Wiener-Neustadt-Insel geht der Flug zur Hayes-Insel. Hier liegt die Station Krenkl. Bei der Landung rückt zuerst eine abgestürzte Antonov-26 in den Blick. Wir stehen in einer Lache aus Eisschlamm und Öl. Kein Hund wedelt mit dem Schweif. Mit dem Koffer in der Hand und bittet ein junger Wissenschaftler aus Österreich um eine Mitfluggelegenheit. Auch ein Mann mit einer Fischvergiftung wartet auf Hilfe. Dass die Geschichte der Entdeckung der Arktis auch eine Geschichte des Scheiterns ist, wird plötzlich wieder bewusst. Willem Barents starb noch bei seiner Rückkehr von Nowaja Semlja an Skorbut, Otto Krisch, Maschinist der Tegetthoff, liegt auf der Wilczek-Insel begraben, auf der Rudolf-Insel, dem nördlichsten Eiland von Franz-Josef-Land, liegt das Grab des Matrosen Sigurd Myhre, daneben der Propeller und andere Teile einer Antonov-26 und die Rotorblätter von zwei Hubschraubern. Als Franz-Josef-Land in den dreißiger Jahren von der Sowjetunion besetzt wurde, versuchte man sämtliche Spuren der bisherigen Erforschung des Archipels zu beseitigen. Systematisch wurden amerikanische und norwegische Polarstationen eingeebnet. Wie unübersichtlich und wenig kontrollierbar die Inselwelt von Franz-Josef-Land jedoch ist, zeigt die Tatsache, dass inmitten des Zweiten Weltkrieges deutsche Soldaten auf Alexandra-Land eine Militärstation errichten konnten, die erst in den sechziger Jahren entdeckt wurde. Inzwischen hat sie ein Gletscher unter sich begraben.
Stille herrscht in der arktischen Landschaft, aber kein Schweigen. Das ruhige Gespräch beim Eisangeln ist noch in weiter Ferne zu vernehmen; aus den Fjorden steigt das Geschrei der Möwen empor; die Walrosse grunzen und rülpsen am Meeressaum. Wer könnte die Worte des Windes übersetzen und den Gesang der treibenden Eisberge? Wer entziffert die Frostmuster der Steine? Die eisige Stille der Arktis bricht Felsen und versteinerte Seelen auf. Die Geschichte der Entdeckung der Arktis ist auch ein Raum der Selbstbegegnung. Wir sind Gast auf der nördlichsten Funkstation der Welt. Hier auf der Rudolf-Insel lebt ein Ehepaar. Krapfen, Gebäck, Brot, Butter, Marmelade und Tee werden aufgedeckt. Gesang ertönt. Der Funker hat ein kleines Museum eingerichtet: Steine, Eisbärenkrallen, Überreste der Ziegler-Expedition. Die Hausfrau führt uns durchs Gebäude. Im Schlafzimmer über dem Ehebett eine Muttergottes mit Jesuskind, dann durch einen Flur mit Nahrungsvorräten zu einer Tür, hinter der sich Unglaubliches verbirgt: Leinen- und ledergebundene Bücher, Regale vom Boden bis zur Decke gefüllt. Es mögen zehntausend Bände sein. Alles ist in diesem Hort der Kultur zu finden. Auch Thomas Mann in der Arktis. Der Funker erzählt, er und seine Frau wohnten das letzte Jahr hier, dann werde die Station aus Geldmangel geschlossen. Vielleicht werden in wenigen Jahrzehnten andere Besucher kommen und eine Bibliothek der Weltliteratur unter dem Eis finden.
Auf der Jackson Insel erinnert eine Gedenktafel in russischer und norwegischer Sprache an Fridtjof Nansen und Fredrik Hjalmar Johansen, die hier vor genau einhundert Jahren neun Monate in Nacht und Eis überwinterten. Nach zwei Jahren Eisdrift mit der „Fram“ (Vorwärts) hatten sie auf 84° 4’ nördlicher Breite das Schiff verlassen, um zu Fuß den Nordpol zu erreichen. Trotz unglaublicher Willensstärke scheiterte der Versuch, und nur einem guten Geschick hatten es die beiden zu verdanken, dass sie auf ihrem Rückweg Franz-Josef-Land erreichten. Auf Jackson ist der Fichtenstamm zu sehen, der als Firststück für ihre Winterhütte aus Stein, Eis- und Walrossfellen diente. Neun Monate dunkle Nacht, neun Monate, in denen nichts passiert, die Gedanken nichts mehr denken und das Herz im Schweigen versinkt. Was ist der Mensch? „Nur ein Staubkorn ist er vor der Macht, die alles, was wir sehen und nicht sehen, erschaffen hat, der Macht, die von Ewigkeit her alles regiert und in Ewigkeit alles nach ihren uns unfaßbaren Gesetzen regieren wird, der Macht, die uns auf dieser Reise so oft vom Untergange errettet hat!“, notiert Hjalmar Johansen in seinem Reisebericht. Noch immer ist die Arktis ein Ort der Selbstbegegnung und der Berührung mit dem Geheimnis der Schöpfung.

