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Walter Nigg (1903-1988):

Stationen seiner Lebensreise

Walter Nigg

Herr, Du liessest mich Deine

Mystiker und Heilige schauen, und

bei ihrem Anblick erglühte meine Seele.“

(Text der Todesanzeige

von Walter Nigg)

 

 

 

Uwe Wolff

Das Geheimnis ist mein. Walter Nigg – Eine Biographie

Theologischer Verlag Zürich. 2009

 

 

 

1. Ein Kind des Dreikönigstages: Welchem Stern folgst du?

 

Am Dreikönigstag des Jahres 1903 erblickte Walter Nigg im katholischen Luzern das Licht der Welt. Seine Geburt am Epiphaniasfest machte ihn von frühester Kindheit an empfänglich für die Welt der Heiligen und ihre Symbolik. Kaspar, Melchior und Balthasar gehörten zu dem lebendigen Brauchtum wie der Besuch des heiligen Nikolaus am 6. Dezember. Mit der Erinnerung an diese Heiligen verband Nigg ein Gefühl von Geborgenheit und zugleich eine Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies der Kindheit, aus dem er mit jäher Gewalt vertrieben worden war. Walter Nigg gehörte zu jenen Menschen, in deren Seele die Kindheit wie die ersten Jahresringe in der Mitte eines alten Baumes ruhen. Aus ihr lebte er und zog auch die Kraft, den Witterungen und Widrigkeiten des Lebens zu trotzen. Er hatte eine romantische Natur, doch besaß er zugleich einen wachen Geist und einen scharfen Verstand, die ihn vor einer Flucht aus der Gegenwart bewahrten. Wie die drei Könige blickte er nach vorne und begab sich auf den Pilgerweg, getrieben von der Suche nach einem Ort der Anbetung und der Erfahrung Gottes. Noch im hohen Alter erinnerte ihn auch das rote Gewand des Nikolaus an frühe Kindheitsszenen. Zeitlebens wollte Nigg begreifen, was ihn einst ergriffen hatte. Sah er später in den Weisen aus dem Morgenland Urbilder der mystischen Anbetung und der Erfahrung der Geburt Gottes in der Seele, so erkannte er in der Gestalt des Bischofs von Myra das Urbild eines erzieherischen Gespräches mit den Heiligen. Die Weisen aus dem Morgenland und der Bischof von Myra symbolisieren die beiden Pole, um die Niggs Hagiographie kreisen wird. Es geht um Anbetung des Heiligen und einen Weg der Heiligung, um Spiritualität und Erziehung des Menschengeschlechtes und die große Frage: Welchem Stern folgst du?

 

 

2. Kindheit: Verlust der Einheit und Erfahrung der Fremdheit

 

Vier Schlüsselerlebnisse aus früher Kindheit gewähren einen ersten Einblick in Walter Niggs Persönlichkeitsstruktur und ihre entscheidenden Prägungen. Sie dokumentieren die wiederholte Erfahrung der Fremdheit eines Kindes aus konfessionsverschiedener Ehe. 1. Das erste Schlüsselerlebnis ist die Flucht des Vierjährigen aus dem Sandkasten mit der Begründung, er fühle sich von den anderen Kindern in seinem Bedürfnis nach Alleinsein gestört. 2. Das zweite erinnert an die Erfahrung der konfessionellen Ausgrenzung durch den katholischen Zweig der Verwandtschaft. Walter Nigg und seine evangelisch getaufte Mutter werden in Luzern als Ketzer verspottet. 3. Das dritte Schlüsselerlebnis ist der Freitod des Vaters (1914) und das Krebsleiden der Mutter, das sie mit Liebe, Güte und Geduld annimmt. Ihr Sterben (1916) wird ihm zum Grundmuster einer Leidensmystik, das er in zahlreichen Lebensläufen der Heiligen wiederfindet. Auf dem Sterbebett nimmt ihm die Mutter das Versprechen ab, ein guter Mensch zu werden. 4. Dem Versuch der katholischen Verwandtschaft, das Waisenkind zu bekehren, entzieht sich Nigg durch Flucht. Als Vollwaise ist der Vierzehnjährige auf sich allein gestellt.

 

 

3. Jugend: Hermann Kutter – die Vaterfigur

 

Durch die Begegnung mit Eduard Thurneysen im Zürcher CVJM kommt Walter Nigg 1919 in Kontakt zu Hermann Kutter und Karl Barth und wird somit Zeuge einer Schlüsselsituation der Theologie des frühen 20. Jahrhunderts. Niggs unveröffentlichte Aufzeichnungen über diese Besuche und seine Barth-Vorlesung zeigen diese Epoche aus einer neuen Perspektive. Der familiäre Umgang im Safenwiler Pfarrhaus gibt dem jungen Nigg Einblicke in Barths Persönlichkeitsstruktur, die ihn fasziniert und zugleich irritiert. Kutter dagegen erlebt Nigg als heiteren und zugleich verbindlichen Seelsorger. Er tritt neben das Vorbild der Mutter. Nigg bleibt ihm zeitlebens auch darin verpflichtet, dass er Leben und Werk der Heiligen und Mystiker hinfort als Einheit betrachtet. Kutters theozentrische Theologie des Unmittelbaren und die Mystik des Dominikaners Meister Eckhart prägen Niggs Interesse an einer erfahrungsbezogenen Rede von Gott. „Mystik ist nichts anderes als Liebe“ zu Gott und den Menschen, formuliert er später in „Große Heilige“. Die zahlreichen Lektürespuren in den ab 1919 erworbenen theologischen und literarischen Werken dokumentieren Niggs Bedürfnis nach einer Zusammenschau unterschiedlicher spiritueller Strömungen. Nigg sucht die Einheit im Urgrund gemeinsamer Erfahrung von Gottes Gegenwart. Rudolf Ottos Begriff des Heiligen erlaubt es ihm, von Gott als einem unergründlichen Geheimnis zu sprechen. Die paradoxe Erfahrung des Heiligen findet der junge Nigg auch in den Romanen Dostojewskijs wieder. In Sonja Somenowna sieht er das Urbild eines neuen Heiligentypos, in dem sich die Erfahrung von Leid und Geborgenheit zu einem Bild der Nachfolge Christi vereinen. Ziel ist die Heiligung als Einswerdung mit dem Willen Gottes. Dieser Prozess, so glaubt Nigg unter Berufung auf Kierkegaards Existenzphilosophie, verlangt immer die Entscheidung des Einzelnen.

 

 

4. Studium in Göttingen: Drei weitere literarische Schlüsselerlebnisse

 

Martin Bubers Legenden von den charismatischen Männern des osteuropäischen Judentums zeigen Nigg 1921 einen narrativen Weg der Darstellung von Gotteserfahrungen im Alltag. Buber inspiriert ihn auch zur Wahrnehmung des Heiligen im jüdischen Kontext und er beeinflusst Niggs Anthropologie: In dem Heiligen erscheint der Mensch in seiner ursprünglichen Gestalt als Ebenbild Gottes. Zwei weitere Schlüsselerlebnisse sind die Lektüre von Gottfried Arnolds alternativer Kirchengeschichtsschreibung „Unpartheiische Kirchen- und Ketzerhistorie“ und die Entdeckung von Gerhard Tersteegens „Leben heiliger Seelen“ in der Göttinger Bibliothek seines Lehrers Erik Peterson (SS 1923). Beide Autoren sind als Leitbilder unabhängigen Denkens prägend für Niggs hagiographische Arbeiten. Durch Gerhard Tersteegen erfährt Nigg ein vertieftes Verständnis der spanischen Leidensmystik. Vor allem aber lernt er über den Horizont der eigenen Tradition hinaus den Reichtum der ganzen christlichen Überlieferung wahrzunehmen und zu vergegenwärtigen. Damit positioniert sich Nigg gegen die dialektische Theologie, in der er einen Anachronismus („Repristination“) sieht. Das Göttinger Semester endet mit einer Enttäuschung. Nigg hatte einen Lehrer gesucht und in Karl Barth einen Gegner gefunden.

 

 

5. Studium in Zürich: Heinrich Pestalozzi und Franz Overbeck

 

Im Rückblick auf seine Studienzeit in Zürich (WS 24/25 – WS 27/28) übergeht Nigg alle theologischen Lehrer, als verdanke er ihnen keinerlei Anregungen. Selbst der Kirchenhistoriker Walther Köhler, der seine Dissertation und Habilitation mit großem Wohlwollen gefördert und auf Niggs Werke in der NZZ hingewiesen hat, bleibt unerwähnt. Dafür wird Jakob Hausheers Einfluss und seine herausragende Persönlichkeit als Vorbild unbestechlicher Wahrheitsliebe und Authentizität hervorgehoben. Die Dissertation über „Das religiöse Moment bei Pestalozzi“ (1923) und die Habilitation über Franz Overbeck (1928) sind ein weiterer Schritt zu einem neuen Heiligenverständnis jenseits moralischer Idealisierung und Stilisierung. Sie zeigen die erzieherische Dimension von religiösen Vorbildern. Hagiographie wird im Sinne Pestalozzis auch eine Erziehung des Herzens. Was nach Franz Overbecks Kritik an der Theologie bleibt, ist allein das Zeugnis des gelebten Lebens. Für Nigg ist somit das Ende der Theologie die Rückkehr zur Hagiographie als Urliteratur des Christentums.

 

 

6. Pfarramt und Lehrauftrag: Einheit von Leben und Lehre

 

Das Streben nach einer Einheit von Leben und Lehre zeigt sich auch in Niggs Seelsorge, seinen Predigten und ersten Vorlesungen (ab 1932) an der Zürcher Universität über Mönche, Ketzer, Heilige und Reich Gottes-Erwartung. Durch die im Zürcher Exil lebende Jüdin Margarete Susman und seinen von den Nationalsozialisten ermordeten Schwager Walter Kölliker (1938) kommt Nigg in unmittelbare Berührung mit der Schreckensherrschaft in Deutschland. In seinen Predigten über Heilige und das Ideal der Heiligung (ab 1932) hält er dem Nihilismus der Zeit ein Menschenbild in der Nachfolge Christi entgegen: „Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung.“ (1. Thess 4.3) Sein Erfahrungsort im sakramentalen Dienst der Kirche ist für den Pfarrer Nigg das Abendmahl.

 

In drei wissenschaftlichen Werken erfolgt eine theoretische Grundlegung der Hagiographie als einer neuen Kirchengeschichtsschreibung, die neben der historisch-kritischen Methode die transzendente Dimension der Geschichte und der Kirche in den Blick rückt, aus der für Nigg letztlich jeder Heilige mit seiner Erfahrung von Gottes Gegenwart zu verstehen ist. Methodische Anregungen findet Nigg bei Künstlern und Schriftstellern wie Georges Bernanos, Ernst Hello und Reinhold Schneider. Der entscheidende Durchbruch zur Hagiographie als Erzählkunst erfolgt jedoch erst nach dem Freitod von Lily Nigg, die sich infolge eines schweren Gemütsleidens in der Rolle einer Pfarrfrau und zweifachen Mutter überfordert sieht. Nigg übernimmt ihre Selbstdeutung des Suizids als Opfertod und setzt ihr mit dem Martyrolog „Wie Lily Nigg-Kölliker starb“ (1942) ein Denkmal, das nicht frei von kühner Stilisierung den Leidensweg eines Menschen im Licht der Verklärung sieht, ein Muster, das später in vielen Heiligenportraits aufgenommen wird. Hagiographisches Schreiben wird zur Sinnstiftung.

 

 

7. Große Heilige: Die wiedergefundene Einheit in der Communio Sanctorum

 

Heiligung ist für Nigg ein Weg des Eintauchens in das Geheimnis der Passion Christi. Durch sie ist „Das ewige Reich“ (1944) schon jetzt im Geheimnis des Glaubens gegenwärtig. Daher fordert er die innere Sammlung in Gebet und Konzentration auf das Eine, das Not tut (Lk 10.42). In einem mystischen Schlüsselerlebnis, das Nigg später in seinem Mystik-Buch „Heimliche Weisheit“ (1959) veröffentlicht, erfährt er (um 1942) die immerwährende Gegenwart Gottes als Gottesfreundschaft. Damit bekommt das Gebet für seine Arbeit und seinen Blick auf die Heiligen eine Schlüsselfunktion. Die neun Heiligen aus „Große Heilige“ (1946), darunter drei Frauen und der reformierte Christ Gerhart Tersteegen, sind große Beter. Auch der Schutzumschlag der Erstausgabe – Dürers betende Hände – verweist auf die Umkehr als Gebot der Stunde.

 

Das Abendland liegt in Trümmern. Nigg aber richtet mit seinem Hohenlied der Liebe den Blick auf die ewig gültigen christlichen Werte. Jenseits aller konfessionellen Verengungen sieht er in den großen Heiligen exemplar fidei, die allein aus der Gnade leben und die fortlaufende Offenbarung in Christus bezeugen: „Alles ist Gnade!“ (Therese von Lisieux) Nigg sieht in den Heiligen von Gottes Gnade ergriffene Menschen und damit sichtbare Zeichen seines Reiches. Diesen Blick auf das gemeinsame christliche Erbe nennt Nigg „überkonfessionell“. Der Begriff ist problematisch, kann doch die Präposition „über“ als elitäre oder die leibhaftige Kirche spiritualisierende Haltung missverstanden werden. In einer Zeit konfessionalistischer Verhärtungen, unter denen Nigg selbst in seiner Kindheit gelitten hatte, und einer nahezu generellen Ablehnung der Heiligen in der eigenen reformierten Kirche, wollte Nigg jedoch mit seiner überkonfessionellen Optik das gemeinsame Erbe wieder in den Blick nehmen und damit zum Eintritt in einen Prozess der Buße und Umkehr auffordern. Er sah sich darin auch Niklaus von Flüe als einer ökumenischen Gestalt der Schweiz verpflichtet.

 

 

8. Christus, die Quelle der Einheit

 

Niggs ökumenischer Heiligenbegriff stellt die Erfahrung der Gnade und das Christuszeugnis in den Mittelpunkt. Das gemeinsame Zeugnis von dieser Erfahrung wird auch durch Johannes Paul II. in „Ut unum sint“ (25. Mai 1995) als eine Aufgabe des geistlichen Ökumenismus beschrieben: „Diese Heiligen kommen aus allen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften (...). In der Ausstrahlung, die vom ‚Erbe der Heiligen’ ausgeht, die allen Gemeinschaften angehören, erscheint der ‚Dialog der Bekehrung’ zur vollen und sichtbaren Einheit nun unter einem Licht der Hoffnung. Diese Allgegenwart der Heiligen liefert nämlich den Beweis für die Transzendenz der Macht des Geistes. Sie ist Zeichen und Beweis für den Sieg Gottes über die Kräfte des Bösen, die die Menschheit spalten.“ (Ut unum sint, Artikel 84)

 

Zur Aufgabe dieses geistlichen Ökumenismus gehört auch ein Nachdenken über hagiographische Inhalte religiöser Erziehung in Kirche, Schule und Kindergarten. Nigg selbst hat in seiner Kindheit durch die Begegnung mit den Legenden vom Nikolaus und den Heiligen drei Königen entscheidende Impulse bekommen und immer wieder die Bedeutung frühkindlicher religiöser Erziehung für das spirituelle Leben der Heiligen betont.

 

Über historische Quellen fand Walter Nigg Zugang zu Identifikationsgestalten und konnte somit nicht nur Forschung und Lehre, sondern vor allen Dingen Forschung und Leben, Wissen und Glauben sowie Bildung und Erziehung miteinander verbinden. Für die Grundlegung einer kirchenhistorischen Hermeneutik und Didaktik hat Walter Nigg daher eine herausragende Bedeutung. Sein Lebenswerk verweist zudem auf die christlichen Quellen und den Traditionsstrom, dem die Schweiz und Europa ihre herausragenden Ideen verdanken. Das Wissen um die eigene Herkunft ist gerade in einer offenen Gesellschaft eine notwendige Voraussetzung für Identitätsbildung, Dialogfähigkeit und interkulturelle Kompetenz. Walter Niggs Werk zeigt mit seinen ethischen Implikationen auch, dass die Vermittlung von Werten an nachfolgende Generationen nur über authentische Vorbilder gelebten Lebens gelingen kann.